Protestors shout as they march down Sixth Avenue during the March For Our Lives Drew Angerer/Getty Images

Die neue weltweite Jugendbewegung

LONDON – Der jüngste March for Our Lives in den Vereinigten Staaten war Inspiration für Millionen Menschen nicht nur in Amerika, sondern auf der ganzen Welt. Bis zu den landesweiten Demonstrationen am 24. März dachten die meisten Menschen, dass den Debatten über die scheinbar endlose Reihe an Schusswaffenattentaten nichts Neues mehr hinzugefügt werden könne.

Doch die mutige und berührende Art und Weise, in der junge Menschen aus Angst und Schmerz der Welt mitteilten, dass Entscheidungen über Waffengesetze und sichere Schulen zu wichtig seien, um sie jenen Erwachsenen zu überlassen, die sie im Stich gelassen hatten, veränderte die politische Landschaft möglicherweise von Grund auf und für immer.   

Nicht nur in Amerika gewinnt eine von der Jugend angeführte Revolution an Dynamik. Auf der ganzen Welt werden junge Menschen aus eigener Kraft zu einem Machtfaktor. Millionen junger Menschen engagieren sich mittlerweile in einer Bewegung, die sich zum Bürgerrechtskampf unserer Zeit entwickelt – dem Kampf für das Recht jedes Kindes auf den Schulbesuch in Sicherheit. 

In Indien mobilisierte der Weltweite Marsch gegen Kinderarbeit hunderttausende junge Menschen, die Millionen Kilometer zurücklegten, um das Ende der Kinderarbeit und das Recht auf Schulbesuch zu fordern.

Auch in Bangladesch engagieren sich – ausgehend vom entlegenen Distrikt Nilphamari - tausende Mädchen in der „Wedding-Busters-Bewegung”, um „kinderehenfreie Zonen” zu schaffen. Inspiriert von der Girls-Not-Brides-Bewegung und auch auf die Gefahr hin, geschlagen und manchmal sogar ermordet zu werden, haben sich Schülerinnen zusammengeschlossen, um sich ihren eigenen Eltern zu widersetzen und Zwangsehen zu verhindern, die sie um ihre Kindheit bringen und ihnen Bildung vorenthalten. Und in Nigeria marschierte die Gruppe Youth Advocates for Change im Jahr 2015 in der Hauptstadt Abuja und forderte sichere Schulen, sowie angemessenen Schutz durch Polizei und Armee vor den terroristischen Extremisten der Boko Haram (deren Name „westliche Bildung ist eine Sünde“ bedeutet).

Das Gesamtbild präsentiert sich eindeutig: wir befinden uns inmitten eines Freiheitskampfes, der globale Ausmaße annimmt. Daran beteiligt sind Mädchen in Indien, die gegen die Untätigkeit der Polizei gegenüber sexuellen Übergriffen demonstrieren; pakistanische Schüler, die nach den jüngsten Attacken der Taliban auf Schulen durch die Straßen von Lahore marschieren; junge Menschen, die in den Straßen der Hauptstadt des Kamerun, Yaoundé, Flüchtlinge unterstützen; und Schüler im Jemen, die gegen einen Krieg demonstrieren, in dem hunderte Schulen zerstört wurden, weswegen zwei Millionen Kinder nun keine Möglichkeit vorfinden, eine Schule zu besuchen.

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Dieser weltweite Aufstand der Jugend hat sich in diesem Jahr intensiviert. Im Januar protestierten in Indien 40 Millionen Kinder und Erwachsene gegen die Kinderehe, indem sie eine Menschenkette bildeten, die sich über etwa 13.000 Kilometer von einem Dorf zum anderen im Bundesstaat Bihar erstreckte. Im Februar wurden peruanische Studenten in Lima beschossen, als sie gegen das, von ihnen so bezeichnete „Jugendsklavengesetz“ demonstrierten, das die Anstellung von Studierenden als unbezahlte Praktikanten ermöglichen würde. Und tausende Studenten gingen in Honduras und Indien auf die Straße, um gegen die steigenden Kosten höherer Bildung zu demonstrieren.

In diesen neuen Bewegungen spiegelt sich unser digitales Zeitalter wider, das es jungen Menschen zunehmend ermöglicht, sich untereinander in ihren eigenen Ländern oder über Grenzen hinweg zu vernetzen. Dabei zeige sie die Kluft zwischen dem Versprechen auf Chancen und der düsteren Realität ungleicher Chancenverteilung auf – insbesondere im Falle von Mädchen, die die Mehrheit jener 260 Millionen Kinder weltweit bilden, die keine Schule besuchen und die Mehrheit der 400 Millionen Kinder, deren Ausbildung im Alter von 11 oder 12 Jahren zu Ende ist. Tatsächlich verlässt die Hälfte aller Kinder weltweit – etwa 800 Millionen – die Schule ohne irgendwelche Qualifikationen für die Arbeitswelt von morgen erworben zu haben. Viele von ihnen werden Opfer von Kinderarbeit, Kinderehe oder gar Kinderhandel, bevor sie das Alter des offiziellen Schulabschlusses erreichen.

Die neue Botschaft des Widerstandes und der Hoffnung auf echte Veränderung durch die jungen Menschen erinnert an das überzeugende Plädoyer für Umweltmaßnahmen, das 1992 ein damals 12-jähriges Mädchen namens Severn Cullis-Suzuki auf dem Weltgipfel in  Rio de Janeiro hielt.  Es war Cullis-Suzuki, die eine unauffällige Konferenz auf Trab -  und eine skeptische Welt zur Vernunft – brachte, als sie sagte, die Umwelt sei ein zu wichtiges Thema, um sie Erwachsenen anzuvertrauen.  Der älteren Generation, die es verabsäumte, für eine nachhaltige Umwelt zu sorgen, dürfe es nicht gestattet sein, die Chancen der nächsten Generation zu ruinieren.

Und eine noch stärkere Botschaft kommt von den jungen Menschen heute: dass nämlich ihr Recht auf Bildung zu wichtig sei, um es Erwachsenen anzuvertrauen, die es verabsäumt haben, den jungen Menschen dieses Recht auch zu gewähren.

Vor beinahe einem Jahrhundert, sagte Eglantyne Jebb, die Gründerin von Save the Children, dass das Weinen eines Kindes die einzige Sprache sei, die jeder Mensch versteht. Doch die Tränen der Kinder wurden allzu oft ignoriert und selbst die Fortschrittlichsten unter uns haben so getan, als handelte es sich bei Kindern um stille Beobachter, die zwar gesehen, aber nicht gehört werden – um passive Objekte unserer Handlungen. Das aus der Zeit vor einem Jahrhundert stammende prägende Bild war das hilfloser Kinder, die beschützt und bemitleidet werden wollen, aber nachfolgende Generationen werden sich an ein radikal anderes Bild erinnern. Da sich die jungen Menschen vernetzen, miteinander kommunizieren und auf ihre Rechte pochen, handelt es sich bei ihren Äußerungen weniger um tränenreiche Plädoyers für mehr Wohltätigkeit, als vielmehr um herausfordernde Märsche, im Rahmen derer Gerechtigkeit gefordert wird.

In den nächsten Tagen werden junge Menschen in Pakistan, wo man sieben Millionen Kindern im schulpflichtigen Alter die Möglichkeit des Schulbesuch verweigert, eine Petition vorlegen, in der das Recht auf Bildung gefordert wird. Unterstützung finden wird diese Forderung auf dem G20-Gipfel im November in Argentinien, wo 700 Jugendbotschafter aus 90 Ländern, mobilisiert durch die Kinderschutzorganisation Theirworld, führende Politiker auffordern werden, eine neue internationale Finanzfazilität für Bildung zu unterstützen – einen milliardenschweren Fonds, der es allen Kindern ermöglichen soll, eine Schule zu besuchen.

Wir erleben einen bedeutsamen Augenblick – inspirierend und zugleich nachdenklich stimmend für uns Kinder der kulturellen Revolution der 1960er Jahre, denen es nicht gelang, ihre Versprechen zu erfüllen und die nun von neuen Bewegungen mit weit größerem Potenzial für das Gute überholt werden. Die Fackel wird nicht an eine neue Generation weitergereicht; die neue Generation musste sie sich erkämpfen. Sie verdient unsere Unterstützung.

http://prosyn.org/edGOo2i/de;

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