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Die neue Gegenbewegung zur Globalisierung

PRINCETON – Auf dem jüngsten G-7-Gipfel im japanischen Ise-Shima machte sich spürbares Unbehagen breit. Es lässt sich nämlich nicht sagen, wer von den Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Ökonomien dieser Welt bis zum nächsten Gipfeltreffen durch populistische Aufrührer ersetzt worden sein wird. Präsident Donald Trump könnte die Vereinigten Staaten vertreten oder Präsidentin Marine Le Pen Frankreich. Es wäre möglich, dass sie mit einem britischen Premierminister Boris Johnson, einem italienischen Ministerpräsidenten Beppe Grillo oder gar mit einer deutschen Kanzlerin Frauke Petry an einem Tisch sitzen. Alle würden dem Nationalismus und Isolationismus in der einen oder anderen Form das Wort reden.

Die Gegenbewegung zur Globalisierung begleitet uns seit zwanzig Jahren. Im ausgehenden 20. Jahrhundert hatte man den Eindruck, als würde sich die Welt in Richtung Konvergenz bewegen und die Menschen überall die gleichen Produkte konsumieren. McDonalds stand für diese Art der Globalisierung und die Demolierung mancher Restaurants der Kette wurde zu einer standardmäßigen Form des Protests gegen die Globalisierung.  

Erdogan

Whither Turkey?

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Doch in letzter Zeit hat sich das Wesen der Globalisierung gewandelt und damit auch die entsprechende Gegenbewegung. Obwohl die immer stärkere Vernetzung der Welt anhält, hat man das Gefühl, dass wir fremde Menschen immer weniger verstehen. Als Reaktion auf sich verändernde – und zunehmend spezielle – Vorlieben der Verbraucher verlagern die Firmen ihre Produktion näher an die Märkte, wo die Produkte verkauft werden. Diese Entwicklung hat das Wachstum des internationalen Handels geschwächt.

Diese als „Onshoring“ bezeichnete Inlandsverlagerung ist nicht neu. In den 1970er und 1980er Jahren machte man sich in Amerika Sorgen, dass die USA von japanischen Autos überschwemmt werden würden. Aus diesem Grund begann man, Autos im Land zu produzieren. Heute kommen die meisten in den USA verkauften „japanischen“ Autos aus amerikanischer Produktion. Mittlerweile allerdings ist die Umkehrung der Produktglobalisierung aufgrund der Fortschritte in der Robotertechnik und der Entwicklung von Verfahren wie dem 3D-Druck einfacher als je zuvor.

Aus diesem Grund konzentriert sich die Globalisierungskritik heute tendenziell weniger auf Fragen des Handels. Allerdings ist diese Verschiebung kein Ausdruck des rückläufigen Handelswachstums. Die Verbraucher in reichen Ländern haben sich mit ausländischen Produkten viel stärker angefreundet – und sind sogar darauf angewiesen, ungeachtet ob es sich dabei um ständig aktualisierte Elektronikprodukte oder um billige „Fast Fashion“ handelt, die in allen Industrieländern zu einem vorherrschenden Phänomen wurden.  

Statt um eine Absage an ausländische Produkte geht es den Globalisierungsgegnern von heute um die Ablehnung fremder Menschen. Streitigkeiten über Investorenschutzklauseln in Handelsabkommen wie der Transpazifischen Partnerschaft oder der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft drehen sich um Bedenken, wonach geheime, die Interessen ausländischer Konzerne schützende Tribunale die nationale Souveränität untergraben könnten. Und dann ist da noch die weltweite Flüchtlingskrise: vor allem in Europa könnte die Angst vor dem Flüchtlingszustrom sehr wohl Vorbote einer breiteren Ablehnung gegenüber der Einwanderung aus gescheiterten und verarmten Staaten sein.

Warum fürchten sich die Menschen in den Industrieländern so vor Zuwanderern? Der Grund dafür ist nicht, dass man nie etwas mit anderen Kulturen zu tun gehabt hätte. Viele Bürger dieser Länder reisen ständig in weit entfernte Touristendestinationen und hunderte Millionen Menschen aus der ganzen Welt begeben sich jedes Jahr in die Industrieländer.

Das Problem liegt vielmehr darin, wie wir reisen. Heutzutage geht es eher um schnelle oberflächliche Begegnungen als um das Eintauchen in eine Kultur. Die moderne Spieltheorie lehrt jedoch, dass sich eine einmalige Interaktion grundlegend von permanentem Kontakt unterscheidet. Wenn die Teilnehmer wissen, dass es sich um eine einmalige und begrenzte Erfahrung handelt, besteht für sie kein Anreiz eine Basis für tieferes Verständnis und Kooperation zu schaffen. Um Vertrauen zu fördern, bedarf es des kontinuierlichen Austauschs. 

Das Ergebnis dieses oberflächlichen Ansatzes im Bereich des Reisens von heute ist in vielen großen Touristenzentren sichtbar. Dienstleistungsanbieter sind wenig motiviert, Menschen die garantiert nicht wiederkommen, guten oder sogar ehrlichen Service anzubieten. In den Restaurants wird mit unfreundlicher Miene mittelmäßiges (oder schlechtes) Essen serviert, Taxifahrer betrügen beim Fuhrlohn und Hoteliers lügen über die Ausstattung ihrer Unterkünfte.  

Außerdem kann es mit dem Spiel jederzeit zu Ende sein. Wo sich der Tourismus zu einer Devisen-Einnahmequelle entwickelte, wird er auch zu einem einladenden Ziel für Terroristen, die ihre Ideologie auf antiwestlichen Ressentiments aufbauen. Ein paar Terrorangriffe an Orten wie Bali oder auf Ferienanlagen am Roten Meer reichen für eine grundlegende wirtschaftliche Destabilisierung.

Tourismusunternehmen reagieren auf derartige Gefahren durch eine Minimierung des Kontakts mit Einheimischen. Das Sinnbild des modernen Tourismus ist das Kreuzfahrtschiff, von wo aus die Passagiere ein paar Stunden an der jeweiligen Destination verbringen können – um etwa eine malerische Karibikinsel oder einen antiken Mittelmeerhafen zu besichtigen – aber anschließend immer wieder in ihr Bett zurückkehren. Auf dem neuen Schiff Harmony of the Seas der Reederei Royal Caribbean zielt man darauf ab, sämtliche Klimazonen dieser Welt nachzubilden. So wartet dieses Schiff, dessen Länge die Höhe des Eiffelturms um über 60 Meter übertrifft, mit einem tropischen Park und einem Eislaufplatz auf (neben 23 Swimming Pools und 42 Bars).

Auch Tourismusunternehmen, die Bus- oder Bahnreisen anbieten, verhalten sich gegenüber ihren Kunden ähnlich protektiv, wobei diese bei einer Sehenswürdigkeit ihr Transportmittel nur kurz verlassen dürfen – gerade lang genug, um eine paar Fotos zu schießen. Diese Art zu reisen, bringt lokale Infrastruktur an ihre Kapazitätsgrenzen. Vielfach steht nicht genügend Platz zur Verfügung, um in Venedig entlang der Kanäle zu spazieren oder den Weg zur Akropolis hochzulaufen. 

Dieser Ansatz verstärkt das wechselseitige Unverständnis. Die Besucher bleiben innerhalb der Vorgaben ihrer im Voraus geplanten Ausflüge und treffen lediglich auf Betrüger, die überteuerten Ramsch oder kostspielige Taxifahrten anbieten. Die Einheimischen sind wenig begeistert von den Touristenschwärmen rund um ihre bedeutendsten  Sehenswürdigkeiten. Niemand zeigt ein besonderes Gefühl des Interesses oder des Vertrauens. 

Es fällt nicht schwer, nostalgisch an jene Tage zu denken, als Fremdenverkehr lange Aufenthalte und intensive Begegnungen mit höchst unterschiedlichen Kulturen bedeutete. Natürlich wäre es angesichts der Zahl der Reisenden von heute unmöglich, dass diese sich wochen- oder monatelang in antiken Klöstern aufhalten. Dennoch sind Rahmenbedingungen vorstellbar, innerhalb derer Besucher und Einheimische in persönlicherer Art und Weise miteinander umgehen. Airbnb kann beispielsweise weit angenehmere Erfahrungen bieten als ein Hotel oder, noch schlimmer, ein Kreuzfahrtschiff. 

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Gibt es eine politische Entsprechung zu Airbnb? Könnten die an Konferenzen wie dem G-7-Gipfel teilnehmenden Staat- und Regierungschefs für längere Zeit in einem anderen Land leben und arbeiten? Kurz nachdem die USA in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, machte sich Winston Churchill bekanntermaßen auf, um 24 Tage im Weißen Haus zu verbringen. Er zementierte die transatlantische Allianz der Briten, indem er seine Beziehung mit Franklin Roosevelt vertiefte. Dieser Grad an Vertrautheit könnte sich sehr wohl als der größte Feind der populistischen Globalisierungsgegner von heute erweisen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier