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Wie Impact Investing funktionieren kann

NEW YORK – Es besteht zunehmende Übereinstimmung darüber, dass der Kapitalismus neu definiert werden muss. Die einflussreiche US-amerikanische Organisation Business Roundtable veröffentlichte kürzlich einen Aufruf an Unternehmenschefs, nicht nur ihre Aktionäre im Blick zu behalten, sondern auch die Auswirkungen auf alle Stakeholder zu berücksichtigen. Ebenso haben wir keine Hoffnung, die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen, wenn nicht privates Kapital mobilisiert wird, um die öffentliche Finanzierung zu ergänzen. Viele sind der Ansicht, das so genannte Impact Investing könne Teil der Lösung sein.

Diese Idee ist nicht neu. Im Hinblick auf ihre Finanzen waren die meisten Menschen der Meinung, sie hätten „zwei Taschen” zur Verfügung (wie es Ross Baird von Blueprint Local formuliert). Die eine Tasche war für Treuhandanlagen gedacht, mit denen man darauf abzielt, unabhängig von sozialen oder ökologischen Erwägungen so viel Geld wie möglich zu verdienen. Die andere Tasche diente philanthropischen Bemühungen, um damit so viel Gutes wie möglich zu tun und finanzielle Erträge auszuklammern.

Doch schon in den 1950er Jahren begannen die beiden Enden des „Kapitalspektrums“ zu verschmelzen. Zu dieser Zeit erkannten einige reine Treuhandanleger, - nämlich Glaubensgemeinschaften, Bürgerrechtsorganisationen und Gewerkschaften - dass bestimmte Investitionen moralisch abstoßend waren oder nicht mit ihren Werten übereinstimmten. Dazu gehörten insbesondere Beteiligungen an Unternehmen, die Tabakprodukte und Pornographie herstellten oder Geschäfte im Südafrika der Apartheid tätigten.

Im Jahr 1968 bereitete die Ford Foundation den Weg für ein neues, als programmbezogene Investitionen bekanntes Instrument, im Rahmen dessen kostengünstige Darlehen an die Stelle von Zuwendungen an Bauträger traten, die erschwinglichen Wohnraum schufen. Ford erkannte, dass man mit einer Geldanlage, die privates Kapital miteinbezieht, die relativ spärlichen philanthropischen Mittel um einen Faktor drei oder vier zu eins hebeln und dennoch eine Kapitalrendite erzielen könnte. So würde ein philanthropisches Budget von 10 Millionen Dollar für den Bau erschwinglichen Wohnraums möglicherweise dutzende oder Hunderte Millionen Dollar für Investitionen bringen. 

In den 1990er Jahren erkannten manche unerschrockene Anleger, dass es nicht reicht, bedenkliche Anlagekategorien einfach aus ihren Portfolios zu entfernen und trieben so die programmbezogenen Investitionen einen Schritt weiter voran. Sie konzentrierten sich auf die Verbindung zwischen ausgezeichneten Renditen und der Art und Weise, wie Unternehmen mit ökologischen, sozialen und Themen der Unternehmensführung (ESG) umgehen. Erste Erkenntnisse aus diesem Ansatz deuteten darauf hin, dass sich ein guter Umgang mit Mitarbeitern, die Wahrung der Vielfalt in den Vorstandsetagen und das Management des ökologischen Fußabdrucks eines Unternehmens in der Tat positiv auf die finanziellen Erträge auswirken können.

Schließlich erkannten Anfang der 2000er Jahre eine Reihe von Investoren – darunter Bridges Fund Management in Großbritannien, DBL Partners und SJF Ventures in den USA sowie Acumen Fund und Root Capital in den Schwellenländern – dass ein weiterer umfassender Wandel im Gange war. Eine neue Unternehmergeneration baute Firmen mit der ausdrücklichen Absicht auf, drängende soziale und ökologische Probleme zu lösen. Und es stellte sich bald heraus, dass Investitionen in derartige Unternehmen durchaus Auswirkungen in der Realität hatten und enorme finanzielle Renditen bringen konnten.

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Take Survey

Nach fast zwei Jahrzehnten der Pionierarbeit, wachsen diese Unternehmen weiter und gewinnen an Glaubwürdigkeit. Was einst als Nische galt, ist zu Mainstream geworden. Doch angesichts des Kapitalansturms in das Impact Investing bedarf es auch höherer Standards. Konkret müssen drei Dinge eintreten, damit das Impact Investing sein volles Potenzial entfalten kann.

Zunächst bedarf es in der Branche mehr Einigkeit über Standards für die Bewertung von Impact-Ansprüchen sowie der Mechanismen zu deren unabhängiger Überprüfung. Nur ein auf dem Fondsprospekt platziertes Logo der „Ziele nachhaltiger Entwicklung” (SDG) oder der „ESG” macht noch keinen Impact-Investor. Glaubwürdige Impact-Ansprüche müssen sich aus rigoroser Due Diligence, klaren Leistungsmaßstäben, Konsultationen mit Endbegünstigten, genauer und unabhängig verifizierter Berichterstattung sowie relevantem Sektor-Benchmarking ergeben.

In dieser Hinsicht sind die jüngsten Bemühungen des Impact Management Project zur Harmonisierung der unübersichtlichen Akronyme (wie etwa IRIS, GIIRS, PRI und GRI) im Zusammenhang mit Impact-Investitionen vielversprechend. Jetzt allerdings gilt es, von der Theorie in die Praxis überzugehen; nämlich von PowerPoint-Folien zu nutzerfreundlichen, kostengünstigen Instrumenten, die allen Vermögensverwaltern und Unternehmern zur Verfügung stehen. Aber selbst mit diesen harmonisierten Standards und Instrumenten werden wir sicherstellen müssen, dass sich die Impact-Ansprüche ebenso rechtmäßig gestalten wie die Angaben in formellen Geschäftsberichten.

Zweitens gilt es für die Akteure in der Branche eine Generation von Mitarbeitern zu rekrutieren, die eine gewisse Nähe zu den zu lösenden Problemen mitbringen. Eine Schar vorwiegend weißer männlicher Finanzfachleute aus Midtown Manhattan oder London-Mayfair wird die hartnäckigen globalen Herausforderungen nicht verstehen, die mit Impact-Investitionen in Angriff genommen werden sollen. Außerdem gibt es zahlreiche Belege dafür, dass breitgefächerte Teams tendenziell bessere Leistungen erbringen als  homogene Teams. Vermögenseigner, Fondsmanager und Unternehmer müssen repräsentativ für die Gemeinschaften sein, denen gedient werden soll.

Schließlich müssen Anleger, die ihre Mittel neuen nachhaltigen Anlagen und Impact-Investitionen zuteilen auch die potenziell negativen Effekte ihres übrigen Portfolios berücksichtigen. Wenn ein grüner Fonds in Höhe von 1 Milliarde US-Dollar als Deckung für 99 weitere Milliarden US-Dollar dient, die noch in Unternehmen im Bereich fossiler Brennstoffe oder in Firmen investiert sind, die auf ausbeuterische Lieferketten setzen, dann ist das Impact Investing gescheitert. Ebenso gilt es auch für philanthropische Institutionen und Universitäten einen genaueren Blick darauf zu werfen, ob ihr Stiftungsvermögen in Anlagen investiert ist, die ihrer Mission zuwiderlaufen.

Statt als Feigenblatt zu dienen, muss Impact Investing der vielversprechende Anfang einer Entwicklung, die traditionellen Anlegern die Möglichkeit verleiht, jeden Vermögenswert in ihrem Portfolio einer Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung zu unterziehen.

Wird es im nächsten Kapitel um echte und große Veränderungen gehen oder ist die Ankunft des  Impact Investing im Mainstream eine inhaltsleere Floskel? Es steht viel auf dem Spiel. Aber mit praktikablen Definitionen der Auswirkungen, einer neuen Generation von Mitarbeitern und einer viel umfassenderen Sichtweise könnten Investitionen in unsere gemeinsame Zukunft zur Zukunft der Geldanlage insgesamt werden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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