varoufakis56_JackTaylorGettyImages_jeremycorbynsquinting Jack Taylor/Getty Images

Jeremy Corbyns Sternstunde?

ATHEN – Boris Johnson ist seit langem der erste britische Premierminister, der in Bezug auf seinen Ansatz gegenüber der Europäischen Union nicht vor irgendeinem Dilemma steht. Johnsons Strategie, um an die Macht zu kommen, hat ihm lediglich eine einzige praktikable Option offengelassen, an die er auf Gedeih und Verderb gebunden ist: Verhandlungen mit der EU vor dem Brexit-Datum am 31. Oktober zu vergessen, für diesen Tag Parlamentswahlen anzusetzen, einen Wählerauftrag für eine No-Deal-Scheidung von Europa ohne wenn und aber anzustreben und sich dann zurückzulehnen und zuzusehen, wie seine Gegner im In- und Ausland ins Schwitzen geraten.

Ungeachtet der offensichtlichen Nachteile eines No-Deal-Brexit hat Johnson keine praktikable Alternative. Nach Brüssel zu reisen, um das Brexit-Abkommen seiner Vorgängerin nachzuverhandeln, wäre ein taktischer Fehler. Theresa Mays Scheitern spiegelte eine Unfähigkeit wider, zwischen den breiteren Interessen der EU und der konkreten Motivation ihres Establishments zu differenzieren. Vor die Wahl gestellt zwischen einer Sicherstellung der Gewinne der kontinentalen Exporteure und der Bekräftigung des Modus Operandi ihres Beamtenapparats, werden sich EU-Verhandlungsführer Michel Barnier und die hinter ihm stehenden führenden Politiker ausnahmslos für Letzteres entscheiden. Daher wird jeder Vorschlag, an dem von Mays Regierung ausgehandelten Austrittsvertrag wesentliche Veränderungen (selbst solche, die im langfristigen Interesse der EU lägen) vorzunehmen, auf Ablehnung stoßen.

Johnson dürfte Mays Fehler kaum wiederholen. Zwar könnte er versucht sein, seine rhetorischen Fertigkeiten an Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron zu erproben. Doch würde sein faktischer Stabschef Dominic Cummings (der gerissene Kampagnenleiter von Vote Leave aus dem Jahr 2016) Johnson unzweifelhaft daran erinnern, dass es nicht in seinem Interesse liegt, die britische Öffentlichkeit erneut einer Szene auszusetzen, in der ihr Premierminister mit leeren Händen aus Europa nach Hause kommt. Nachdem er dieses Gefühl der Demütigung ausgenutzt hat, um Premierminister zu werden, wäre Johnson ein Narr, wenn er es aufrechterhielte.

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