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varoufakis59_ChesnotGetty Images_fblibracoins Chesnot/Getty Images

Der IWF sollte die Libra übernehmen

ATHEN – Die Libra Association zerfällt. Visa, Mastercard, PayPal, Stripe, Mercado Pago und eBay haben das von Facebook angeführte, der Libra – der mit Wertpapieren unterlegten Kryptowährung, die das international Geldsystem revolutionieren soll – zugrundeliegende Unternehmensbündnis verlassen. Weitere Unternehmen dürften folgen, da der von besorgten Regierungen, die entschlossen sind, die Libra zu stoppen, auf sie ausgeübte Druck steigt.

Das ist gut so. Die Menschheit hätte gelitten, wenn man Facebook gestattet hätte, mittels der Libra das internationale Zahlungssystem zu privatisieren. Doch sollten die Behörden, die die Libra abwürgen, den Blick auf die Zukunft richten und etwas Innovatives, Nützliches und Visionäres mit ihr machen: Sie sollten die Libra (oder ihr Kernkonzept) zur Verringerung der globalen Handelsungleichgewichte und zur Neuausbalancierung der Kapitalflüsse dem Internationalen Währungsfonds übergeben. Tatsächlich könnte eine Libra-artige Kryptowährung dem IWF helfen, seinen ursprünglichen Zweck zu erfüllen.

Als Facebooks CEO Mark Zuckerberg die Libra mit großem Tamtam ankündigte, klang die Idee interessant und unverfänglich. Jeder mit einem Mobiltelefon würde unter Einsatz von gängigen Methoden wie Debitkarten und Online-Banking in seiner nationalen Währung Libra-Token erwerben können. Mit diesen Token würde man dann Zahlungen an andere Libra-Nutzer leisten können, um Waren oder Dienstleistungen zu erwerben oder Schulden zu tilgen. Um vollständige Transparenz sicherzustellen, würden alle Transaktionen per Blockchain-Technologie abgewickelt. Und völlig anders als bei Bitcoin wären Libra-Token vollständig durch wertbeständige Vermögenswerte unterlegt.

Um die Libra an materielle Vermögenswerte zu knüpfen, versprach die Libra Association, ihre Erlöse, zusammen mit dem von ihren Mitgliedsunternehmen beigesteuerten Grundkapital (von jeweils mindestens zehn Millionen Dollar), zu nutzen, um hochliquide, hoch bewertete Finanzwerte (z. B. US-Schatzanleihen) zu kaufen. Angesichts der Führungsrolle von Facebook konnte man sich unschwer einen Moment vorstellen, an dem die halbe Weltbevölkerung, repräsentiert durch 2,4 Milliarden monatlich aktive Facebook-Nutzer, plötzlich eine neue Währung hätte, die ihr gestatten würde, miteinander Geschäfte zu tätigen und dabei den Rest des Finanzsystems zu umgehen.

Die erste Reaktion der Behörden war seltsam negativ. Indem sie die potenziellen kriminellen Einsatzmöglichkeiten der Libra betonten, bestärkten sie lediglich den libertären Verdacht, dass Aufsichtsbehörden, Politiker und Notenbanker angesichts des drohenden Verlusts ihrer Kontrolle über das Geld befreiende monetäre Innovationen gern ersticken würden. Dies ist bedauerlich, weil nichts kriminelle Aktivitäten derart erleichtert wie altmodisches Bargeld und, wichtiger noch, weil die Libra selbst dann eine systemische Bedrohung für unsere politischen Ökonomien darstellen würde, wenn sie nie zur Finanzierung von Terrorismus oder Verbrechen genutzt würde.

Beginnen wir mit den üblen Auswirkungen der Libra auf den Einzelnen: Man erinnere sich, welche Anstrengungen die meisten Länder unternommen haben, um Kaufkraftschwankungen ihrer nationalen Währungen zu begrenzen. Dank dieser Bemühungen kann man mit 100 Euro oder Dollar heute mehr oder weniger dieselben Waren kaufen wie in einem Monat. Doch ließe sich dasselbe nicht für 100 in Libra umgetauschte Euros oder Dollar sagen.

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In dem Maß, in dem die Libra durch auf mehrere Währungen lautende Wertpapiere unterlegt wäre, würde die Kaufkraft eines Libra-Tokens in einem beliebigen Land jeweils deutlich stärker schwanken als die nationale Währung. Tatsächlich würde die Libra der internen Abrechnungseinheit des IWF ähneln: den Sonderziehungsrechten (SZR), die einen gewichteten Durchschnitt der führenden Weltwährungen widerspiegeln.

Um zu verstehen, was das bedeutet, sollte sich bewusst machen, dass der Wechselkurs von US-Dollar und SZR 2015 um bis zu 20% schwankte. Hätte ein US-Verbraucher damals 100 Dollar in Libra umgetauscht, hätte er qualvoll mit ansehen müssen, wie sich die Kaufkraft der Token in seinem Heimatland auf und ab bewegte wie ein Jo-Jo. Was die Bewohner von Entwicklungsländern angeht, deren Währungen zur Abwertung neigen, so würde die Erleichterung des Geldumtauschs durch die Libra die Abwertung beschleunigen, die nationale Inflation anheizen und eine Kapitalflucht sowohl wahrscheinlicher machen als auch verschärfen.

Seit der Finanzkrise von 2008 haben sich die Behörden schwer getan, die Inflation, die Beschäftigung und die Investitionstätigkeit mit den geld- und fiskalpolitischen Hebeln zu steuern, die vor der Krise einigermaßen gut zu funktionieren schienen. Die Libra würde die Fähigkeit unserer Staaten zur Glättung des Konjunkturzyklus weiter verringern. Die Wirksamkeit der Fiskalpolitik würde angesichts einer mit jeder Zahlung auf ein innerhalb von Facebook angesiedeltes globales Zahlungssystem schrumpfenden Steuerbasis leiden.

Eine noch größere Erschütterung würde die Geldpolitik erwarten. Unsere Notenbanken steuern Menge und Fluss des Geldes, indem sie dem von privaten Banken gehaltenen Bestand Papierwerte entnehmen oder hinzufügen. Wenn sie die Wirtschaftsaktivität ankurbeln wollen, kaufen die Notenbanken den privaten Banken gewerbliche Kredite, Hypothekendarlehen, Einlagen und andere Vermögenswerte ab. Die Banken verfügen dann über mehr Liquidität zur Kreditvergabe. Und wenn die Behörden die Konjunktur abkühlen wollen, machen sie es umgekehrt. Doch je erfolgreicher die Libra würde, desto mehr Geld würden die Leute von ihrem Bankkonto in ihr Libra-Wallet überweisen und desto weniger wären die Notenbanken imstande, die Wirtschaft zu stabilisieren. Anders ausgedrückt: Je mehr die Flucht in die Libra zunähme, desto stärker würden Einzelne und Staaten von Volatilität und Krisen heimgesucht werden.

Einziger Nutznießer wäre die Libra Association, die ein enormes Zinseinkommen aus den globalen Wertpapieren ziehen würden, die sie mittels des großen ihrer Zahlungsplattform zufließenden Anteils an den weltweiten Ersparnissen anhäufen würde. Die Libra Association würde dann sehr bald der Versuchung nachgeben, Privatpersonen und Unternehmen Kredite einzuräumen, und sich von einem Zahlungssystem zu einer gigantischen globalen Bank entwickeln, die keine Regierung je retten, regulieren oder auflösen könnte.

Daher ist es gut, dass die Libra – und mit ihr Zuckerbergs Traum von einem privaten globalen Zahlungsmonopol – zerbricht. Aber wir sollten das technologische Kind nicht mit dem monopolistischen Bade ausschütten. Der Trick besteht darin, die Umsetzung der Idee dem IWF anzuvertrauen, und zwar im Namen seiner Mitgliedsstaaten und mit der Absicht, das internationale Währungssystem auf eine Weise neu zu erfinden, die John Maynard Keynes’ auf der Konferenz von Bretton Woods 1944 abgelehnten Vorschlag einer internationalen Clearing-Union widerspiegelt.

Um dieses neue Bretton Woods herbeizuführen würde der IWF ein auf Blockchain beruhendes Libra-artiges Token – nennen wir es den Kosmos – herausgeben, dessen Wechselkurs gegenüber den nationalen Währungen freigegeben würde. Die Menschen würden weiterhin ihre nationalen Währungen nutzen, doch alle grenzüberschreitenden Handels- und Kapitalflüsse würden auf Kosmos lauten und über das beim IWF geführte Konto ihrer Notenbank laufen. Auf Handelsdefizite und -überschüsse würde eine Abgabe für Handelsungleichgewichte anfallen, während private Finanzinstitute eine zum Anstieg der Kapitalabflüsse proportionale Gebühr zahlen würden. Diese Strafzahlungen würden einem auf Kosmos lautenden IWF-Konto zufließen, das als globaler Sovereign Wealth Fund geführt würde. Auf diese Weise würden plötzlich alle internationalen Transaktionen reibungslos und absolut transparent ablaufen, während kleine, aber signifikante Strafzahlungen Handels- und Kapitalungleichgewichte im Zaum halten und grüne Investitionen und eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes zwischen Nord und Süd finanzieren würden.

Brillante Ideen, die in den Händen räuberischer Privatiers katastrophale Folgen hätten, sollten in den Dienst der Öffentlichkeit gestellt werden. Auf diese Weise können wir von ihrer Genialität profitieren, ohne ihrem Design zum Opfer zu fallen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/g2Xg8Q1de;
  1. haass107_JUNG YEON-JEAFP via Getty Images_northkoreanuclearmissile Jung Yeon-Je/AFP via Getty Images

    The Coming Nuclear Crises

    Richard N. Haass

    We are entering a new and dangerous period in which nuclear competition or even use of nuclear weapons could again become the greatest threat to global stability. Less certain is whether today’s leaders are up to meeting this emerging challenge.

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