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Ideen vor Interessen

CAMBRIDGE – Die meistverbreitete politische Theorie ist auch die simpelste: Die Mächtigen bekommen, was sie wollen. Die Finanzregulierung wird von den Interessen der Banken angetrieben, die Gesundheitspolitik von den Interessen der Versicherungsgesellschaften und die Steuerpolitik von den Interessen der Reichen. Diejenigen, die den größten Einfluss auf die Regierenden ausüben – durch Kontrolle über Ressourcen, Information, Zugänge oder schiere Gewaltandrohung - setzen sich letztlich durch.

Auf globaler Ebene ist das nicht anders. Die Außenpolitik, so heißt es, wird in erster Linie von nationalen Interessen bestimmt – und nicht von der Affinität zu anderen Ländern oder der Sorge um die globale Gemeinschaft. Internationale Abkommen sind unmöglich, wenn sie nicht auf die Interessen der Vereinigten Staaten und in zunehmendem Maße auch auf die anderer aufstrebender Mächte abgestimmt werden. In autoritären Regimen sind politische Strategien der direkte Ausdruck der Interessen des Machthabers und seiner Spießgesellen.

Dabei handelt es sich um ein verlockendes Narrativ, mit dem auch ohne weiteres erklärt werden kann, warum Politik so oft perverse Ergebnisse produziert. Ob in Demokratien, Diktaturen oder auf internationaler Ebene: diese Ergebnisse sind Ausdruck dafür, dass es Gruppen mit Partikularinteressen gelingt, zu Resultaten zu gelangen, die der Mehrheit schaden.  

Dennoch ist diese Erklärung alles andere als vollständig und oft auch irreführend. Interessen sind nicht unabänderlich oder vorbestimmt. Vielmehr sind von Ideen geprägt – von Annahmen darüber, wer wir sind, was wir zu erreichen versuchen und wie die Welt funktioniert. Unsere Wahrnehmung von Eigeninteressen ist stets durch die Linse der Ideen gefiltert.