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Die Wurzeln der deutschen Offenheit

PARIS – „Deutschland, Deutschland“ rufen Tausende von Flüchtlingen vor dem Keleti-Bahnhof in Budapest angesichts ihrer offensichtlichen Abweisung durch die ungarische Politik. Sie träumen von Deutschland – nicht von einem beliebigen europäischen Land, sondern speziell von Deutschland – ebenso wie vor über einem Jahrhundert die europäischen Armen auf der Flucht von dem Elend – und manchmal vor Pogromen – von Amerika geträumt haben.

Dies stellt eine dramatische Veränderung gegenüber früher dar. Was für ein Kontrast besteht doch zwischen dem Foto von einem kleinen jüdischen Jungen im Warschauer Ghetto vor weniger als achtzig Jahren und einem aktuellen Bild aus München von einem lächelnden Flüchtlingskind, dessen Kopf durch die Mütze eines Polizisten geschützt wird. Für das erste Kind bedeutete Deutschland den sicheren Tod. Für das zweite hingegen bedeutet das Land heute eine Hoffnung auf ein besseres Leben.

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Und Deutschland stellt nicht nur eine abstrakte Hoffnung dar, sondern nimmt mehr Migranten auf als jedes seiner europäischen Nachbarländer. Kanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, das Land werde in diesem Jahr mindestens 800.000 Asylbewerber aufnehmen. Wie kann sich ein Land so schnell von der Dunkelheit ans Licht bewegen?

Niemand sollte die Rolle leugnen, die Schulen, zivile und politische Führungskräfte sowie natürlich Kräfte von außen bei dieser Veränderung spielen. Aber auch die Wichtigkeit der politischen Führung sollte nicht unterschätzt werden.

Politiker können an Ereignissen wachsen. Vor dem Fall der Berliner Mauer war Helmut Kohl in erster Linie ein westdeutscher Politiker aus der Provinz. Von Männern wie dem französischen Präsidenten François Mitterrand wurde er eher etwas herablassend betrachtet. Als Kanzler dann – der er sechzehn Jahre lang war – hat Kohl eine zentrale Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung gespielt und, gemeinsam mit Mitterand und anderen, den Vertrag von Maastricht gestaltet, das Gründungsdokument der Europäischen Union.

Auch Merkel wurde durch die Ereignisse von einer vorsichtig berechnenden und oft langsamen Entscheidungsträgerin in eine moralische Kraft verwandelt. Mit Festigkeit und Klarheit hat sie alle Arten von Ausländerfeindlichkeit verdammt und ihre europäischen Kollegen dafür kritisiert, die Aufnahme von Flüchtlingen zu verweigern. Anstatt sich darüber Sorgen zu machen, ob sie vielleicht Menschen vor den Kopf stoßen oder die nächste Wahl verlieren könnte, folgt sie dem Diktat ihres Gewissens. In Ostdeutschland während der kommunistischen Herrschaft als Tochter eines protestantischen Pfarrers aufgewachsen, steht sie zu ihren christlich-demokratischen Werten. Tatsächlich hat sich Merkel in einer Zeit, in der es den meisten europäischen Politikern an Inspiration und Ausrichtung fehlt, zum moralischen Kompass Europas entwickelt.

Für den Rest der EU-Politiker ist es an der Zeit, sich auf den richtigen Weg zu begeben. Wenn die Geschichte so laut an die Tür klopft – diesmal in Form Hunderttausender Flüchtlinge – sollte man keine Zeit mit Abwiegeln verlieren, oder, schlimmer noch, mit dem Umwerben populistischer Bewegungen. Dies wäre der sicherste Weg, seine Seele zu verlieren – und dazu die nächste Wahl.

Natürlich darf man nicht naiv sein. Politik und Moral sind nicht immer miteinander vereinbar, und die Lage in Deutschland unterscheidet sich sehr stark von derjenigen im Rest von Europa. Aufgrund der schrumpfenden und alternden Bevölkerung des Landes braucht Deutschlands Wirtschaft mehr junge, motivierte Menschen – ein Bedarf, der von den Flüchtlingen gedeckt werden kann. Verglichen damit haben Frankreich und viele andere europäische Länder bessere demografische und schlechtere wirtschaftliche Bedingungen – wie hohe Arbeitslosigkeit.

Nach Jahren der Destabilisierung durch eine Wirtschaftskrise, die immer noch nicht ganz überwunden ist, fühlen sich die meisten europäischen Gesellschaften sozial, wirtschaftlich, politisch und sogar psychologisch nicht in der Lage, die Flut an Flüchtlingen aufzunehmen. Wenn Deutschland sich würdevoller verhält, liegt dies nicht nur an Merkels politischer Führung, sondern auch an der Tatsache, dass die Deutschen selbstsicherer sind als die meisten Europäer. Wenn man sich selbst vertraut, ist es leichter, auch gegenüber anderen offen zu sein.

Aber auch die Dauerhaftigkeit von Werten wie Toleranz und Solidarität innerhalb der europäischen Gesellschaften sollte nicht unterschätzt werden. Angesichts dessen müssen die Politiker die Großzügigkeit vieler Menschen fördern und in die richtigen Bahnen lenken, während sie gleichzeitig die Selbstsucht und Fremdenfeindlichkeit von anderen eindämmen und bekämpfen. Um Erfolg zu haben, ist allerdings auch eine gleichmäßige Verteilung der Lasten erforderlich. Wenn die von Natur aus großzügigen Menschen die Last allein tragen müssen, wird diese Großzügigkeit nicht lang andauern.

Langfristig kann eine Gesellschaft nur durch Offenheit und Toleranz Fortschritte machen. Durch die Verweigerung von Vielfalt – ob durch Unterdrückung von Konflikten im Land selbst oder durch Abwehr von Fremden – wird der Verfall beschleunigt. Um die Formulierung des ehemaligen tschechischen Pr��sidenten Václav Klaus umzukehren: Der Selbstmord Europas wird nicht durch die Akzeptanz von Flüchtlingen geschehen, sondern dadurch, dass wir unsere Türen vor ihnen schließen und versuchen, uns von ihrem Schicksal rein zu waschen.

So kann auch Ungarn mit seinen Zäunen zur Abwehr von Flüchtlingen Europa keinen Schutz bieten. Im Gegenteil: Das Land stellt sich damit nicht nur gegen die grundlegenden europäischen Werte, sondern unterminiert auch die ureigensten Interessen des Kontinents. Immerhin wären die Vereinigten Staaten ohne immer neue Migrantenströme nicht in weniger als zwei Jahrhunderten zur weltweit führenden Großmacht geworden.

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Europa braucht Flüchtlinge, um weiter Wohlstand zu haben, und die Flüchtlinge brauchen Europa, um zu überleben.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff