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Der Club negativer Zinsen

BRÜSSEL – Die Notenbanken haben während des größten Teils des vergangenen Jahrzehnts nur begrenzte Fortschritte dabei gemacht, die starken globalen Deflationskräfte zu bremsen. Seit 2008 verfolgt die US Federal Reserve eine Nullzinspolitik und hat zugleich ihre Bilanz durch mehrere Wellen umfangreicher Anleihekäufe in nie gekanntem Maß ausgeweitet. Die Bank von England, die Bank von Japan und die Europäische Zentralbank sind ihrem Beispiel gefolgt und haben jede ihre eigene Version der sogenannten „quantitativen Lockerung“ betrieben. Doch die Inflation ist nirgends merklich gestiegen.

Trotz ihres gemeinsamen Kampfes gegen Deflationstendenzen divergiert die Geldpolitik (und die Wirtschaftsleistung) dieser Länder nun. Während die USA und Großbritannien inzwischen ausreichend stark wachsen, um ihre lockere Geldpolitik zu beenden und die Zinsen zu erhöhen, verstärken die Eurozone und Japan ihre quantitative Lockerung und drücken die langfristigen Leitzinsen weiter ins Negative. Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?

Die Antwort lautet kurz und prägnant: Schulden. Die USA und Großbritannien weisen seit Jahrzehnten Leistungsbilanzdefizite auf und sind daher Schuldnerländer, während die Eurozone und Japan Leistungsbilanzüberschüsse erzielt haben und daher Gläubiger sind. Da negative Zinsen Schuldner begünstigen und Gläubigern schaden, löste ihre Einführung nach der Weltwirtschaftskrise in den USA und Großbritannien eine Erholung aus, hatte jedoch in der Eurozone und Japan kaum Auswirkungen.

Dies ist kein isoliertes Phänomen. Inzwischen haben weltweit die meisten Gläubigerländer – Länder mit dauerhaft hohen Leistungsbilanzüberschüssen wie etwa Dänemark und die Schweiz – negative Zinsen eingeführt, und zwar nicht nur für langfristige Staatsanleihen und andere „risikolose“ Schuldtitel, sondern auch für Papiere mit mittleren Laufzeiten. Nutzen bringt das kaum.