computer hacker Bill Oxford/Getty Images

Werden wir uns an Fake News gewöhnen müssen?

CAMBRIDGE – Der Ausdruck „Fake News” ist zu einem Schimpfwort geworden, das US-Präsident Donald Trump jeder missliebigen Story verpasst. Allerdings handelt es sich dabei auch um einen analytischen Begriff, der eine in Form herkömmlicher Berichterstattung präsentierte vorsätzliche Desinformation bezeichnet. 

Dieses Problem ist nicht völlig neu. Im Jahr 1925 veröffentlichte Harper’s Magazine einen Artikel über die Gefahren von „Fake News.“  Heute allerdings beziehen zwei Drittel der Erwachsenen in den USA einen Teil ihrer aktuellen Information aus den sozialen Medien, deren Geschäftsmodel sich für Manipulation von außen anbietet und wo Algorithmen leicht für gewinnbringende oder unheilvolle Zwecke missbraucht werden können.

Zahlreiche Organisationen innerhalb und außerhalb der USA – ob krimineller, staatlicher oder laienhafter Natur – verstehen sich auf die Nachkonstruktion dessen, wie Technologieplattformen Information analysieren. Eines muss man Russland lassen: als einer der ersten Staaten verstand man es dort, soziale Medien als Waffen einzusetzen und Amerikas eigene Unternehmen zu benutzen, um gegen das Land vorzugehen.

Überfordert von der schieren Menge an online verfügbarer Information, fällt es den Menschen schwer zu entscheiden, worauf sie sich konzentrieren sollen. Anstelle von Information wird Aufmerksamkeit zur knappen Ressource, die es zu gewinnen gilt. Big Data und künstliche Intelligenz ermöglichen das Mikrotargeting in der Kommunikation, so dass sich die Information, die die Menschen erhalten, auf eine „Filterblase” Gleichgesinnter beschränkt.

Die von den sozialen Medien angebotenen „kostenlosen” Dienste basieren auf einem Gewinnmodell, im Rahmen dessen Informationen und die Aufmerksamkeit der Nutzer in Wirklichkeit die Produkte sind, die an Werbetreibende verkauft werden. Mithilfe von Algorithmen wird in Erfahrung gebracht, wie man die Nutzer motiviert, in den sozialen Medien aktiv zu bleiben, um ihnen dann noch mehr Werbung vorzusetzen, die wiederum die Einnahmen noch weiter steigert. 

Emotionen wie Empörung regen die Aktivität in sozialen Medien an und es hat sich gezeigt, dass haarsträubende, aber falsche Informationen mehr Nutzer anziehen als korrekte Meldungen. Aus einer Studie geht hervor, dass auf Twitter Unwahrheiten um 70 Prozent öfter geteilt werden als der Wahrheit entsprechende Nachrichten. Ebenso kam eine Anfang dieses Jahres durchgeführte Studie über Demonstrationen in Deutschland zu dem Schluss, dass der Algorithmus von YouTube die Nutzer systematisch in Richtung extremistischer Inhalte leitete, weil dort die meisten „Klicks“ und damit auch die meisten Einkünfte zu erzielen waren. Dabei können die Faktenchecks der konventionellen Medien nicht mithalten und manchmal können diese sogar kontraproduktiv sein, weil man den Unwahrheiten dadurch zu noch mehr Aufmerksamkeit verhilft. 

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Das Gewinnmodell der sozialen Medien kann naturgemäß von Staaten wie auch von nichtstaatlichen Akteuren als Waffe eingesetzt werden. In letzter Zeit ist Facebook aufgrund seines doch recht ungezwungenen Umgangs mit dem Datenschutz seiner Nutzer stark in die Kritik geraten. Unternehmenschef Mark Zuckerberg räumte ein, dass Facebook im Jahr 2016 „nicht auf die koordinierten Informationstransaktionen vorbereitet war, mit denen wir regelmäßig konfrontiert sind.“ Allerdings hätte das Unternehmen „seither viel dazugelernt und ausgeklügelte Systeme entwickelt, die Technologie und Menschen verbinden, um Einmischungen in eine Wahlentscheidung auf unserer Plattform zu verhindern.“

Zu diesen Bestrebungen gehören automatisierte Programme zum Auffinden und Entfernen gefälschter Konten; die weniger prominente Hervorhebung von Facebook-Seiten, von denen aus Desinformation verbreitet wird; die Ausgabe eines Transparenz-Berichts über die Anzahl der entfernten gefälschten Konten; die Überprüfung der Nationalität von Nutzern, die politische Anzeigen schalten; die Einstellung 10.000 zusätzlicher Mitarbeiter im Sicherheitsbereich; sowie eine verbesserte Koordination mit Strafverfolgungsbehörden und anderen Unternehmen, um verdächtigen Aktivitäten nachzugehen. Doch damit ist das Problem nicht gelöst.  

Es wird weiterhin ein Wettrüsten zwischen Social-Media-Unternehmen und Staaten sowie nicht-staatlichen Akteuren geben, die in Möglichkeiten zur Ausnutzung der Social-Media-Systeme investieren. Technologische Lösungen wie künstliche Intelligenz sind dabei keine Wunderwaffe. Weil Fake News oft sensationeller und hetzerischer sind, haben sie eine größere Reichweite und verbreiten sich rascher als korrekte Meldungen. Auf Twitter werden Falschinformationen von weit mehr Menschen und viel rascher geteilt als wahrheitsgemäße Informationen und die Wiederholung der Fake News, auch im Rahmen eines Faktenchecks, lässt die Wahrscheinlichkeit steigen, dass diese Nachricht von den Menschen für wahr gehalten werden.  

Als Vorbereitung auf die Präsidentenwahlen in den USA im Jahr 2016 verbrachte die St. Petersburger Agentur für Internetforschung über ein Jahr mit der Erstellung Dutzender Konten in sozialen Medien, die als lokale amerikanische Nachrichtendienste ausgegeben wurden. In manchen Berichten wurde ein Kandidat bevorzugt, aber vielfach waren sie einfach nur dazu gedacht, den Eindruck von Chaos und Abscheu vor der Demokratie zu vermitteln sowie die Wahlbeteiligung geringer ausfallen zu lassen. 

Als der amerikanische Kongress 1996 das Telekommunikationsgesetz Communications Decency Act verabschiedete, wurden die damals noch in den Kinderschuhen steckenden Social-Media-Unternehmen als neutrale Telekom-Anbieter behandelt, die ihren Kunden einfach  wechselseitige Interaktionen ermöglichten. Dieses Modell ist heute ganz klar überholt. Unter politischem Druck haben die großen Unternehmen damit begonnen, ihre Netzwerke sorgfältiger überwachen und offensichtliche Fälschungen, darunter auch Botnetze, zu beseitigen.

Doch die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die in den USA durch den ersten Verfassungszusatz geschützt ist, wirft schwierige praktische Probleme auf. Maschinen und nicht-amerikanische Akteure kommen zwar nicht in den Genuss des Schutzes durch den ersten Verfassungszusatz (und Privatunternehmen sind ohnehin nicht an den ersten Verfassungszusatz gebunden), aber inländische Gruppen und Einzelpersonen – so verabscheuungswürdig sie auch sein mögen - fallen sehr wohl unter diesen Schutz und können daher als Vermittler für ausländische Einflussnehmer agieren.

Jedenfalls ist der von ausländischen Akteuren angerichtete Schaden womöglich geringer als der Schaden, den wir uns selbst zufügen. Das Problem der Fake News sowie der Auftritte ausländischer Akteure als reale Nachrichtendienste ist deshalb so schwer zu lösen, weil damit Zielkonflikte zwischen den uns wichtigen Werten verbunden sind. Social-Media-Unternehmen, die Angst davor haben, wegen Zensur ins Visier zu geraten, möchten eine Regulierung durch den Gesetzgeber vermeiden, der sie sowohl wegen ihrer Unterlassungs- als auch wegen ihrer Tatsünden kritisiert.  

Erfahrungen mit Wahlen in Europa legen nahe, dass investigativer Journalismus und die im Voraus erfolgende Information der Öffentlichkeit dazu beitragen können, Wähler gegen Desinformationskampagnen zu wappnen. Doch die Auseinandersetzung um Fake News wird wohl weiterhin ein Katz-und-Maus-Spiel bleiben -  zwischen den Lieferanten dieser Fake News und den Unternehmen, deren Plattformen sie ausnutzen. Fake News werden überall als Hintergrundgeräusch bei Wahlen wahrnehmbar bleiben. Permanente Wachsamkeit wird der Preis sein, den wir für den Schutz unserer Demokratien zu bezahlen haben.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/jpeysnU/de;

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