gros149_MANDEL NGANAFP via Getty Images_fed MANDEL NGAN/AFP via Getty Images

Die transatlantische makroökonomische Auseinanderentwicklung

BRÜSSEL – Nun, da Europa endlich beginnt, bei der Impfung seiner Bevölkerung gegenüber den USA aufzuholen, scheinen beide Seiten des Atlantiks auf eine starke wirtschaftliche Erholung zuzusteuern. Doch entwickelt sich ihre makroökonomische Politik in einer Weise auseinander, die in der Zukunft ernste Probleme hervorrufen könnte.

Die Fiskalpolitik geht bereits in unterschiedliche Richtungen. Die USA steuern für zwei Jahre (2020 und 2021) auf ein Defizit im öffentlichen Sektor von rund 15% vom BIP zu. Das Defizit des kommenden Jahres bleibt abzuwarten, doch es auf einen einstelligen Wert zu drücken wäre eine beispiellose Kontraktion. Ergänzt man dies um Präsident Joe Bidens vorgeschlagenen American Jobs Plan im Volumen von zwei Billionen Dollar – über den seine Regierung noch immer mit dem Kongress verhandelt –, so erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass die USA ihre Fiskalpolitik in 2022 plötzlich straffen werden.

In der Eurozone haben die Regierungen ihre Ausgaben während der COVID-19-Krise ebenfalls gesteigert, doch nicht annähernd so stark. Die zusätzlichen Ausgaben belaufen sich 2020 und 2021 auf 7-8% vom BIP – das ist prozentuell nicht wenig, aber doch nur halb so viel wie in den USA.

Darüber hinaus soll das Defizit laut der Wirtschaftsprognose der Europäischen Kommission vom Frühjahr 2021 2022 auf 4% vom BIP sinken – was vermutlich erneut halb so viel wie in den USA wäre. Die meisten europäischen Länder planen, rasch zu jener Besonnenheit zurückzukehren, die die Eurozone in die Lage versetzt hat, 2019 (unmittelbar vor Ausbruch der Pandemie) ein Durchschnittsdefizit von nahezu null zu erreichen.

Auf den ersten Blick mag diese Auseinanderentwicklung in der Fiskalpolitik verblüffen. Schließlich werden die USA als Erste wieder ihr BIP von vor der Krise erreichen, was nahelegt, dass sie Konjunkturimpulse weniger nötig haben. Ein genauerer Blick jedoch zeigt einen klaren Grund für diese Auseinanderentwicklung – nämlich die Ausrichtung der Haushaltsausgaben.

In den meisten europäischen Ländern stellte Kurzarbeitergeld den Unternehmen die Mittel zur Verfügung, die sie brauchten, um ihre Arbeitnehmer weiter zu beschäftigen, selbst wenn diese aufgrund der öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen über Monate hinweg kaum etwas zu tun hatten. Die US-Regierung dagegen stellte allen unter einem gewissen (relativ hohen) Einkommensniveau Schecks aus, und zwar unabhängig davon, ob sie ihre Arbeitsplätze behielten oder nicht, und sie erhöhte zusätzlich das Arbeitslosengeld.

Subscribe to Project Syndicate
Bundle2021_web4

Subscribe to Project Syndicate

Enjoy unlimited access to the ideas and opinions of the world's leading thinkers, including weekly long reads, book reviews, topical collections, and interviews; The Year Ahead annual print magazine; the complete PS archive; and more. All for less than $9 a month.

Subscribe Now

Aufgrund dieser unterschiedlichen Ansätze beeinflusste die Pandemie die europäischen und US-amerikanischen Arbeitsmärkte auf stark unterschiedliche Weise. In Europa war die Lage nicht besonders turbulent: Obwohl die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden deutlich sank, erhöhte sich die erfasste Arbeitslosigkeit um nicht einmal einen Prozentpunkt.

In den USA fiel die die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden in ähnlichem Umfang, doch die Arbeitslosigkeit war alles andere als stabil. Dutzende Millionen Arbeitnehmer wurden mit Beginn der Lockdowns Anfang letzten Jahres entlassen. In den letzten Monaten wurden angesichts der erzielten Impffortschritte und gelockerter Beschränkungen Millionen wieder eingestellt. Doch rund sieben Millionen Arbeitsplätze müssen noch neu besetzt werden, bevor die US-Wirtschaft zur Vollbeschäftigung zurückkehrt.

Die USA und Europa verfolgen zudem unterschiedliche geldpolitische Ansätze. Natürlich bleibt die Geldpolitik offiziell weiterhin überall enorm locker. Doch die Rahmenbedingungen – und die tatsächliche Politik – beginnen sich auseinanderzuentwickeln, nun da sich die Notenbanken entschieden haben, wann und wo sie anfangen werden, die Geldpolitik zu straffen.

Was die US Federal Reserve angeht, so plant diese, weiterhin eine sehr lockere Politik einschließlich großer Wertpapierankäufe zu verfolgen, bis die tatsächliche Inflation ihren Zielwert von annähernd 2% überschreitet. In einem gewissen Sinn wurde diese Linie bereits überschritten: Die Gesamtinflation liegt bereits bei über 4%, und selbst die Kerninflation (bei der die volatilen Energie- und Lebensmittelpreise unberücksichtigt bleiben) hat vor kurzem 3% überschritten. Doch geht die Fed davon aus, dass dieser Anstieg vorübergehender Art ist, und daher hat sie entschieden, dass sie ihre Politik nicht sofort straffen wird. Tatsächlich hat die Fed offiziell erklärt, sie würde „die Beschäftigungsdefizite … gegenüber dem Höchstniveau abmildern“ – was im Fed-Sprech so viel bedeutet, wie dass sie die Wirtschaft „heißlaufen“ lassen wird.

Doch stehen die Maßnahmen der Fed mit ihrer offiziellen Linie nicht so recht im Einklang. Der jüngste „Dot-Plot“, der die Erwartungen der Mitglieder des Offenmarktausschusses an die künftige Zinsentwicklung abbildet, legt nahe, dass die Zinsen bereits Anfang nächsten Jahres steigen könnten. Schon jetzt hat die Fed still und heimlich begonnen, die Geldpolitik zu straffen.

In den letzten Monaten hat die Fed eine große Anzahl an Rückkaufoperationen getätigt. Dabei hat sie Termingeschäfte über den Verkauf von Schatzanleihen im Volumen von rund 800 Milliarden Dollar abgeschlossen – viel mehr, als sie am Kassamarkt gekauft hat. Anders ausgedrückt: Ein Arm der Fed konterkariert durch umgekehrte Pensionsgeschäfte faktisch die Anleihekäufe des anderen Arms. Dieser Ansatz versetzt die Fed in die Lage, zu behaupten, dass sie die Geldpolitik in einer Zeit weiterhin hoher Arbeitslosigkeit nicht strafft, auch wenn sie faktisch genau dies tut.

Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Haltung der Fed und ihrer tatsächlichen Politik hat die Unsicherheit über die künftige Inflationsentwicklung in den USA – ein Thema, das schon jetzt zu hitzigen Diskussionen einlädt – naturgemäß verstärkt. Einige Finanzmarkt-Kennzahlen geben die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation die 3-%-Marke während der nächsten fünf Jahre übersteigen wird, inzwischen mit fast 40% an.

Die Europäische Zentralbank bleibt dagegen der Preisstabilität verpflichtet. Dies bedeutet, die Inflation in die Höhe zu treiben und nicht zu senken. Auch wenn die Gesamtinflation im Mai erstmals seit Jahren 2% erreicht hat, verharrt die Kerninflation weiterhin bei unter 1%. Da die EZB das Ziel einer Inflation von annähernd 2% verfolgt, hat sie kaum eine andere Wahl, als weiter im raschen Tempo Anleihen zu kaufen. Und eine Zinserhöhung ist nicht in Sicht.

Während die Fiskal- und die Geldpolitik technisch gesehen auf beiden Seiten des Atlantiks expansiv bleiben, befinden sich die USA und die Eurozone, was die makroökonomische Politik angeht, eindeutig auf unterschiedlichem Kurs. Während die USA eine expansive Fiskalpolitik verfolgen, aber verstohlen eine Straffung der Geldpolitik betreiben, ist die Eurozone eifrig darum bedacht, zur Haushaltsdisziplin zurückzukehren, aber weiterhin eine lockere Geldpolitik zu verfolgen.

Für sich genommen ist diese Auseinanderentwicklung nicht besonders berichtenswert. Niemand ist schockiert, zu hören, dass Unterschiede bei der Wirtschaftslage und den Prioritäten zu unterschiedlichen Ansätzen führen. Doch sollte man die potenziellen längerfristigen Auswirkungen nicht unterschätzen. Wenn beide Volkswirtschaften ihren gegenwärtigen Kurs beibehalten, wird das den US-Dollar stärken, Amerikas Tendenz zu großen externen Defiziten verstärken und das Wachstum in Europa sogar noch exportabhängiger machen. Dies ist ein Rezept für Handelsspannungen – und für ein abruptes Ende des transatlantischen Honeymoons der Biden-Ära.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/jDFE547de