African Village_Carsten ten Brink_Flickr Carsten ten Brink/Flickr

Warum Jeffrey Sachs wichtig ist

SEATTLE – Bono hat den Ökonomen Jeffrey Sachs als „laut quietschendes Rad“ bezeichnet. Für mich ist Sachs der Bono der Ökonomie – jemand mit beeindruckender Intelligenz, Leidenschaft und Überzeugungskraft, der seine Gaben einsetzt, um den ärmsten Menschen auf dem Planeten eine Stimme zu geben. Daher war ich nicht überrascht, dass eine Journalistin Sachs als fesselnde Hauptperson eines Buches ansah – und als eine gute Möglichkeit, ihren Lesern das potenziell trockene Thema internationale Entwicklung nahezubringen.

In The Idealist zeichnet die für Vanity Fair schreibende Nina Munk ein nuanciertes Porträt von Sachs und seinem Millennium Villages Project (MVP) – einem 120 Millionen Dollar teurem Vorzeigeprojekt, dass der Welt zeigen sollte, dass sich die Dörfer Afrikas durch eine massive Spritze zielgerichteter Hilfsleistungen aus der Armut befreien lassen. Es wäre einfach für Munk gewesen, und möglicherweise der Vermarktung ihres Buches dienlicher, eine Karikatur zu zeichnen, die Sachs’ negative Eigenschaften auf Kosten seiner großen Begabungen hervorhebt. Aber das hat sie nicht getan.

Munk hat sechs Jahre mit den Recherchen für das Buch verbracht. Dabei lernte sie Sachs gut kennen und lebte für einen längeren Zeitraum in zweien der 15 Millennium Villages. Sie weiß die Bedeutung und die Schwierigkeiten dessen, was Sachs und sein Team zu erreichen suchen, eindeutig zu würdigen.

Anders als die meisten Bücher über internationale Entwicklung ist Munks Buch sehr gut lesbar und nicht lang (260 Seiten). Ich habe allen in unserer Stiftung gesagt, dass seine Lektüre die Zeit wert ist. Es handelt sich um eine wertvolle – und zuweilen herzzerreißende – Geschichte, die uns zur Warnung dienen kann. Während einige der Millennium Villages Erfolg dabei hatten, den Menschen bei der Verbesserung ihrer Gesundheit und ihres Einkommens zu helfen, schafften es die beiden Dörfer, mit denen Munk sich die meiste Zeit über befasste – Dertu in Kenia und Ruhiira in Uganda – nicht annähernd, Sachs’ Vision Realität werden zu lassen.

Als Sachs erstmals mit der Planung des Projekts begann, trat er an unsere Stiftung heran, um Unterstützung dafür zu erhalten. Wir förderten damals seine Bemühungen am Earth Institute der Columbia University bereits in erheblichem Umfang und vertraten die Ansicht, dass sein Fokus auf die Bedürfnisse der armen Länder von unschätzbarem Wert sei.

Seine Projektvorstellung war faszinierend. Er hatte eine Handvoll Dörfer ausgewählt, die im Fokus intensiver Interventionen im Bereich der Gesundheit, Bildung und Landwirtschaft stehen sollten – alles auf einmal. Seine Hypothese war, dass diese Interventionen Synergien in solchem Umfang bewirken würden, dass sie einen Tugendkreis in Gang setzen und die Dörfer ein für alle Mal aus der Armut befreien würden. Er glaubte, dass ein Fokus allein auf Dünger, aber nicht gleichzeitig auf Gesundheit, oder auf Impfungen ohne gleichzeitige Anstrengungen zur Verbesserung der Bildung ohne eine endlose Menge an Hilfsleistungen keinen nachhaltigen Fortschritt bringen würde.

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Meine Kollegen und ich hatten eine Reihe von Bedenken in Bezug auf Sachs’ Ansatz. Wir stellten seine Annahmen darüber in Frage, wie schnell sich die Erfolge einstellen würden, was passieren würde, wenn die Fördermittel für das MVP auslaufen würden, welchen Beitrag die Regierungen leisten würden, um die hohen Kosten pro Person aufzufangen, und wie realistisch (angesichts der Wahrscheinlichkeit, dass die Bewohner der Umgebung in diese Dörfer strömen würden, sobald die MVP-Hilfen einmal flössen) die Fortschrittsmessung sein würde. Daher beschlossen wir, nicht direkt in das MVP zu investieren, obwohl wir Sachs’ sonstige Arbeit gern weiter unterstützten.

Nun, da das Projekt nicht gelaufen ist wie geplant, will ich keine Steine werfen. Auch bei uns bleiben viele Projekte hinter den Erwartungen zurück. Es ist schwierig, effektive Lösungen umzusetzen, selbst wenn man alle möglichen Eventualitäten und unbeabsichtigten Folgen einplant. Menschen neigen von Natur aus dazu, sich bei ihren Investitionen – egal, ob geschäftlicher, philanthropischer oder sonstiger Art – angesichts von Schwierigkeiten oder Fehlgriffen in den einmal eingeschlagenen Kurs zu verbeißen. Mir selbst ist das passiert, und ich vermute, den meisten anderen Menschen auch.

Was also ist schiefgegangen? Zunächst einmal erlebten die von Sachs ausgesuchten Dörfer alle möglichen Probleme – von Dürren bis hin zu politischen Unruhen. Zudem erlag man beim MVP einem gewissen idealistischen Wunschdenken. Die MVP-Leitung ermutigte die Bauern, ihre Produktion auf eine Reihe neuer Anbauprodukte umzustellen, die in den reichen Ländern stark nachgefragt wurden, und die Experten vor Ort leisteten gute Arbeit dabei, den Bauern durch Einsatz von Dünger, Bewässerung und besserem Saatgut bei der Produktion hochwertiger Ernteerträge zu helfen.

Doch das MVP unterlies es, gleichzeitig in die Erschließung von Märkten für diese Anbauprodukte zu investieren. Laut Munk „ließen sich die Ananas doch nicht exportieren, weil die Transportkosten viel zu hoch waren. Es gab anscheinend keinen Markt für Ingwer. Und trotz eines gewissen anfänglichen Interesses von Käufern aus Japan wollte niemand Bananenmehl.“ Die Bauern bauten diese Produkte an, doch die Käufer blieben aus.

Natürlich ist sich Sachs der Bedeutung, die Marktdynamik zu verstehen, bewusst; er ist einer der intelligentesten Ökonomen der Welt. Doch in den von Munk vorgestellten Dörfern scheint er Scheuklappen zu tragen.

Eine beliebte Redensart Warren Buffetts ist: „Im Rückspiegel sieht man immer klarer.“ In der Rückschau erkennt man, dass das Projekt nie über ein Wirtschaftsmodell verfügte, das die Nachhaltigkeit der Erfolge gewährleisten konnte, nachdem die MVP-Gelder erst einmal verbraucht waren.

Alle im Rahmen des Projekts getätigten Interventionen – ob im Bereich der Gesundheit, Landwirtschaft, Infrastruktur, Bildung oder Anschubfinanzierung – sind sinnvoll, wenn man sie sorgfältig und langfristig durchführt. Doch ich bin überrascht darüber, wie wenig Sachs die Haushalte der betreffenden Länder anzapfte, und dass er sich nicht bemühte, die Regierungen zur Bereitstellung zusätzlicher Steuergelder zu bewegen, um mehr von diesen Interventionen auf nationaler Basis zu finanzieren.

Im Rückspiegel erkennt man auch, dass Sachs mit vielen seiner Ideen absolut richtig lag. Munk schildert detailliert, wie er sich 2007 mit internationalen Spendern anlegte, die sich weigerten, insektizidbehandelte Mückennetze kostenlos zu verteilen, weil sie einen marktorientierten Ansatz vorzogen, bei dem die Leute pro Netz einen kleinen Obolus entrichten sollten. Gelinde gesagt hat sich Sachs in seinem Bemühen, die Mückennetze kostenlos zu verteilen, nicht viele Freunde gemacht.

Durch seine zunehmend rabiateren Tiraden verärgerte er potenzielle Verbündete, die die Malaria genauso sehr besiegen möchten wie er selbst. Doch die Geschichte wird zeigen, dass Sachs absolut Recht hatte. Wir haben inzwischen feststellen können, dass das kostenfreie Modell eine viel breitere Verteilung der Mückennetze – und eine viel stärkere Verringerung der Malariafälle – ermöglichte als marktgestützte Modelle.

Letztlich hoffe ich, dass die Bekämpfer der Armut sich von der Erfahrung mit dem MVP nicht entmutigen lassen, zu investieren und Risiken einzugehen. In der Welt des Wagniskapitals gilt eine Erfolgsquote von 30% als großartige Erfolgsbilanz. In der Welt internationaler Entwicklung zitieren Kritiker jeden Fehlgriff als Beweis, dass Entwicklungshilfe rausgeschmissenes Geld sei. Bei einem so schwierigen Unterfangen wie der Bekämpfung von Armut und Krankheit wird man nie etwas von Bedeutung erreichen, wenn man Angst hat, Fehler zu machen.

Ich bewundere Sachs sehr dafür, dass er seine Ideen und seinen Ruf aufs Spiel setzt. Schließlich könnte er sich ein schönes Leben machen und nichts weiter tun, als zwei Lehrveranstaltungen pro Semester abzuhalten und aus der Sicherheit seines Ohrensessels in akademischen Fachzeitschriften kluge Ratschläge zu erteilen. Aber das ist nicht sein Stil. Er krempelt die Ärmel hoch. Es setzt seine Theorien aktiv um. Wenn sich einer abmüht, dann er.

Ich vermute, dass Sachs wie alle kompromisslosen Denker und Macher aus seinen Fehlgriffen lernen und mit besseren Ideen und Ansätzen zurückkommen wird. Sachs wird immer ein laut quietschendes Rad bleiben – und die Welt wird deshalb ein besserer Ort sein.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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