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Afghanistans vergessene Frauen

NEW HAVEN – Wegen der Pandemie und anderen Katastrophen nannten viele 2020 ein „Jahr der biblischen Plagen“. Inzwischen zeichnet sich eher ein „Jahrzehnt der biblischen Plagen“ ab. Zwischen den Überflutungen in Westeuropa, den Waldbränden in Griechenland und der Türkei und der Delta- und My-Variante von COVID-19 geraten unser Planet und unsere traditionelle Lebensweise immer mehr Druck.

Aber dies alles ist nichts im Vergleich mit der Tragödie, die über Afghanistans 19 Millionen Frauen gekommen ist. Während wir in den Entwicklungsländern über die Exzesse der modernen Gesellschaft diskutieren, droht afghanischen Frauen die gewaltsame Rückkehr ins Mittelalter.

Die internationalen Medien weisen auf diese Gefahr hin und erinnern uns an die Unterdrückung der Frauen während der ersten Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001. Die Taliban sichern zu, die Frauenrechte, und insbesondere das Recht auf Arbeit und Bildung, zu respektieren, so lange sie gemäß der Scharia mit den Werten einer islamischen Gesellschaft vereinbar sind. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sie ihr Versprechen halten.

Man kann nur hoffen, dass Afghanistans neue Herren ihrem Wort treu bleiben und die rückwärtsgewandten Kräfte in ihren Reihen einhegen. Dies wäre nicht nur deshalb strategisch klug, weil sie dringend auf das Wohlwollen der internationalen Gemeinschaft angewiesen sind, sondern auch weil es gute Wirtschaftspolitik ist. Eine Gesellschaft, die Frauen unterdrückt, zerstört auch ihre Chancen auf Wachstum und Entwicklung.

Immer mehr Studien zeigen, dass die Gleichstellung der Geschlechter nicht nur den Frauen zugutekommt, sondern der gesamten Volkswirtschaft. Wie ein einflussreicher Artikel in Econometrica, eine der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften, aus dem Jahr 2019 zeigt, hat der Abbau der geschlechtsspezifische beruflichen Segregation und anderer Verzerrungen in den USA dazu geführt, dass Talent effizienter genutzt und Produktivität und Wohlstand wesentlich gesteigert werden konnten. Nach Ansicht der Autoren gingen 20-40 % des Wachstums der aggregierten Marktproduktion pro Kopf zwischen 1960 und 2010 auf den besseren Einsatz des Humankapitals zurück.

Entwicklungsländer, die häufig unter dem ineffizienten Einsatz von Ressourcen und geringer Produktivität leiden, würden sehr wahrscheinlich noch stärker davon profitieren, wenn Frauen und anderen Gruppen nicht mehr diskriminiert werden. In einer aktuellen Studie konnten Gaurav Chiplunkar von der University of Virginia und ich zeigen, dass die Produktivität in Indien schon dadurch wesentlich steigen würde, dass die Hindernissen beseitigt würden, die Frauen an der Unternehmensgründung hindern. Und der Nutzen wäre vermutlich noch viel größer, wenn Frauen bei allen Aspekten des wirtschaftlichen Lebens gleichgestellt wären.

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Ganz offensichtlich kann eine Volkswirtschaft viel eher ihr volles Potenzial ausschöpfen, wenn nicht die Hälfte ihrer Bevölkerung daran gehindert wird, ihre Fähigkeiten und Begabungen auch zu nutzen. Wie Christine Lagarde und Jonathan D. Ostry vom Internationalen Währungsfonds bereits 2018 geschrieben haben, können nur die Länder von den sich ergänzenden Stärken männlicher und weiblicher Arbeitskräfte profitieren, die Frauen nicht aus dem wirtschaftlichen Leben ausschließen.

Schon vor dem jüngsten Regimewechsel in Kabul hatten Frauen in Afghanistan trübe Aussichten. Dies zeigt sich unter anderem am Index „Frauen, Wirtschaft und Recht“ (WBL) der Weltbank, der die rechtliche Diskriminierung der Frau in wirtschaftlichen Fragen misst. Hundert Punkte bezeichnen einen Zustand der vollständigen (gesetzlichen) Gleichstellung von Frauen und Männern, null Punkte bedeuten, dass Frauen sämtliche Rechte verwehrt werden, die Männer genießen. 2020 erreichte Afghanistan beim WBL-Index einen Wert von 38,1, also weit unter dem weltweiten Mittelwert von 76,1 und dem Mittelwert in Südasien von 63,7.

Die Daten für ihren WBL-Index gewinnt die Weltbank durch die Befragung von Rechtsexperten in den einzelnen Ländern. Der Index bewertet Beschränkungen der Mobilität, Behandlung am Arbeitsplatz, Löhne, Ehe, Mutterschaft, Eigentum, Unternehmertum, Renten und viele weitere Faktoren. Allerdings berücksichtigt er nur den Buchstaben des Gesetzes, nicht seine Umsetzung, und auch nicht die kulturellen und sozialen Geschlechternormen, die in vielen Ländern eine ebenso große Rolle spielen. Dennoch ist der Vergleich der WBL-Werte einzelner Länder sehr aufschlussreich.

Dass Afghanistan 2020 nur einen Wert von 38,1 erreicht hat, zeigt, dass Frauen schon vor der Rückkehr der Taliban in fast allen Kategorien, die im Index berücksichtigt werden, benachteiligt waren. So durften sich Frauen außerhalb ihres Zuhauses nicht so frei bewegen wie Männer und auch ihren Wohnsitz nicht frei wählen. Das heißt nicht, dass das Land in den 20 Jahren seit der letzten Herrschaft der Taliban keine Fortschritte gemacht hätte. Trotz enormer wirtschaftlicher Probleme wurden die Frauenrechte in wichtigen Bereichen gestärkt. So können Frauen seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2015 beispielsweise selbst einen Pass beantragen und dadurch leichter das Land verlassen.

In einer aktuellen Forschungsarbeit zeigen meine Mitautorinnen und ich, dass die Scharia Frauen zwar in bestimmten Fragen einschränkt, Fortschritte bei der gesetzlichen Gleichstellung aber nicht zwingend ausschließt. Tatsächlich meinen viele Autoren, für die extreme Benachteiligung der Frauen sei nicht islamisches Recht, sondern die patriarchalische Kultur des Landes verantwortlich. Hier dient Tunesien als gutes Beispiel dafür, wie die Gleichstellung der Frau in familiären Fragen innerhalb der Grenzen der Scharia gelingen kann. Im Jahr 2020 lag das Land mit einem WBL-Wert von 67,5 wesentlich über dem Mittelwert von 51,5 der Region Naher Osten und Nordafrika.

Wir können nur hoffen, dass die Taliban die kleinen Fortschritte der letzten 20 Jahre nicht zunichtemachen. Wenn sie ihre neuen Versprechen einhalten, gewinnen sie eine gewisse internationale Anerkennung und verbessern die Chancen Afghanistans auf wirtschaftliche Entwicklung. Die internationale Gemeinschaft ihrerseits muss ihren diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Druck aufrechterhalten und darf die Frauen des Landes nicht erneut einem grimmigen Schicksal überlassen.

https://prosyn.org/l1fewaxde