leonard48_NIKOLAY DOYCHINOVAFP via Getty Images_englandfootballfanbulgaria Nikolay Doychinov/AFP/Getty Images

Das uneingelöste Versprechen des Jahres 1989

BERLIN – Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa im Jahr 1989 träumten viele vom Aufbau eines vereinten und freien Europas, in dessen Zentrum die Europäische Union stehen sollte. Dreißig Jahre später sind die Europäer allerdings mit einer anderen Realität konfrontiert. In Westeuropa legen führende Politiker ihr Veto gegen eine fortgesetzte Erweiterung der Union ein, weil sie fürchten, dass die Osteuropäer nicht bereit sind, liberale Werte anzunehmen. Und in Mittel- und Osteuropa steigen die Ressentiments gegenüber Westeuropa aufgrund der dort an den Tag gelegten Reaktionen auf Einwanderung und andere Probleme.  

Deutlich zutage trat diese Dynamik diesen Monat im Lauf der Qualifikationsrunden für die Fußballeuropameisterschaft 2020, wo ein Spiel zwischen England und Bulgarien zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei grundlegend verschiedenen Vorstellungen europäischer Identität geriet. Die Partie, die in Sofia ausgetragen wurde, musste zweimal unterbrochen werden, um die Anhänger der Heimmannschaft vor rassistischem Verhalten zu warnen, darunter zum Nazigruß erhobene Arme und gegen die schwarzen Spieler Englands gerichtete Affenlaute.

Nach dem Match lag die britische Meinungselite vereint im Fieber moralischer Rechtschaffenheit gegen die von ihnen so empfundene Barbarei der bulgarischen Fans. Da der Multikulturalismus in den letzten 30 Jahren zu einem zentralen Bestandteil der britischen Nationalgeschichte geworden ist, befürchten viele ethnische Minderheiten, dass der von ihnen in Kontinentaleuropa wahrgenommene Rassismus einen Rückfall in eine hässliche Ära der Ungleichheit und Ausgrenzung darstellt.

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