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The Year Ahead 2020

Ungleichheit in Cambridge und Chicago

PRINCETON – Viele Menschen scheinen das Vertrauen in den Kapitalismus zu verlieren und, damit einhergehend, in die Ökonomen, die als dessen Apologeten betrachtet werden. Das neue Buch The Economists’ Hour von Binyamin Appelbaum, einem Reporter der New York Times, wirft viele unbequeme Fragen auf. Hat die Wirtschaftswissenschaft eine falsche Richtung eingeschlagen? Haben diejenigen von uns, die keine Anhänger ihrer von der Chicagoer Schule vertretenen neoklassischen Variante sind, sich von dieser womöglich trotzdem zu sehr in jene Richtung drängen lassen? Wäre es um die Welt besser bestellt, wenn die Ökonomen in Cambridge mehr und die in Chicago weniger Einfluss erlangt hätten? Und mit Cambridge meine ich natürlich Cambridge in England.

Als ich vor 50 Jahren als Wirtschaftswissenschaftler in Cambridge anfing, redeten Ökonomen und Philosophen noch miteinander, und der wohlfahrtsökonomische Ansatz wurde gelehrt und ernstgenommen. John Rawls’ bahnbrechendes Werk Eine Theorie der Gerechtigkeit aus dem Jahr 1971 wurde viel diskutiert, und Amartya Sen, Anthony Atkinson und James Mirrlees (damals alle in Cambridge) stellten Überlegungen zur Gerechtigkeit und ihrer Beziehung zur Einkommensungleichheit an.

Sen schrieb – inspiriert von Kenneth Arrows Social Choice and Individual Values, das er als Student in Kalkutta las – über die Sozialwahltheorie, relative und absolute Armut und den Utilitarismus und seine Alternativen. Mirrlees löste eine Version der Frage, wie sich eine Präferenz für Gleichheit mit der Notwendigkeit, Anreize zu respektieren, vereinbaren lässt, und Atkinson zeigte, wie sich Ansichten über Ungleichheit mit deren Messung integrieren lassen.

Derweil folgte die Chicagoer Schule in den USA einer anderen Linie. Niemand sollte die intellektuellen Beiträge von Milton Friedman, George Stigler, James Buchanan und Robert Lucas zur Wirtschaftslehre und zur politischen Ökonomie sowie jene von Ronald Coase und Richard Posner zur Rechts- und Wirtschaftswissenschaft in Zweifel stellen. Doch es fällt schwer, sich ein Oeuvre vorzustellen, das in größerem Widerspruch zu einem breit angelegten Nachdenken über Ungleichheit und Gerechtigkeit steht. Tatsächlich wird in den extremsten Versionen Geld zum Maß des Wohlergehens, und Gerechtigkeit ist bloße Effizienz. Als ich 1983 in die USA kam und dort aufgrund meiner Überlegungen zur Ungleichheit als „unprofessionell“ kritisiert wurde, dachte ich an meine eigene Reaktion Jahre früher auf Stiglers 1959 vorgelegtes Argument, dass die „berufliche Befasstheit mit der Wirtschaftlehre einen politisch konservativ werden lässt“. Ich hatte das für einen Tippfehler gehalten; mir war noch nie ein konservativer Ökonom begegnet.

Der Einfluss des Chicagoer Wirtschaftsdenkens und Friedmans eigener Argumente bleibt außergewöhnlich groß. Friedman verwarf Ungleichheit weitgehend als naturgegeben und als Spiegelbild der Entscheidungen von Menschen mit unterschiedlichem Geschmack. Er glaubte an Chancengleichheit, aber widersetzte sich entschieden einer Erbschaftssteuer, die er als „schlechte Steuer“ kritisierte, die „Tugend besteuert“ und „zu verschwenderischen Ausgaben anhält“. Mehr als 700 Ökonomen unterstützten diese Behauptungen noch vor kurzem, und heute sind dieselben Argumente gegen eine Vermögenssteuer zu vernehmen. Aus Sicht Friedmans, der auch ein Befürworter des Steuerwettbewerbs zwischen Ländern war, würden Bemühungen zur Verringerung der Ungleichheit nicht nur die Freiheit einschränkten, sondern auch zu mehr Ungleichheit führen. Freie Märkte brächten sowohl Freiheit als auch Gleichheit hervor.

Das scheint nicht der Fall zu sein.

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Stattdessen haben wir eine Welt bekommen, in der die Familie Sackler sich selbst mehr als zwölf Milliarden Dollar dafür zahlte, dass sie eine Opioidepidemie auslöste und förderte, die hunderttausende von Amerikanern das Leben kostete. Der Hersteller von Heftpflaster und Babypuder Johnson & Johnson baute in Tasmanien Schlafmohn an, um die Epidemie zu befeuern, während das US-Militär den Opiumanbau durch die Taliban in der afghanischen Provinz Helmand ins Visier nahm. Im Jahre 1839 entsandten die Briten Kanonenboote, um China für britische (und indische) Opiumschmuggler sicher zu machen.

Beteiligungsunternehmen kaufen Krankentransportunternehmen auf und besetzen die Notaufnahmen der Krankenhäuser mit ihren eigenen Ärzten, um selbst Patienten, deren Versicherung das betreffende Krankenhaus abdeckt, versteckte Gebühren in Rechnung stellen zu können.

Das ist genau die Art von Funktionsweise, die man von unregulierten Märkten erwarten sollte: Man errichtet ein lokales Monopol und berechnet den Verbrauchern, die sich dessen nicht bewusst und manchmal nicht mal bei Bewusstsein sind, angesichts einer unelastischen Nachfrage einen hohen Preis. Zumindest im Nachhinein überrascht es nicht, dass freie Märkte – oder zumindest freie Märkte, in denen die Regierung ein Rentenstreben der Reichen zulässt – nicht Gleichheit, sondern eine ausbeuterische Elite hervorbringen. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass eine utopische Freiheitsrhetorik eine ungerechte soziale Dystopie hervorgebracht hat.

Appelbaums bestes Beispiel ist die Leistung, auf die Friedman am stolzesten war: die Einführung einer reinen Freiwilligenarmee, die, so vermute ich, von den meisten Ökonomen noch immer befürwortet wird. Doch ist es wirklich eine gute Idee, unser Militär aus jenen zu rekrutieren, die weniger gebildet sind und weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben? Im Jahre 2014 hatten nur 7% der gemeinen Soldaten einen Bachelor, verglichen mit 84% der Offiziere.

Anne Case von der Universität Princeton und ich haben die zunehmende Ungleichheit zwischen den weniger Gebildeten und den gut Gebildeten in den USA untersucht und eine zunehmende Auseinanderentwicklung bei Löhnen, Erwerbsbeteiligung, Ehen, gesellschaftlicher Isolation, Not, Alkoholismus, Drogentoten und Suizidraten festgestellt. Und jetzt werden die weniger Gebildeten aufgefordert, ihr Leben für eine gebildete Elite zu riskieren, die darüber entscheidet, wo, wann und gegen wen sie kämpfen.

Wir haben den gesellschaftlichen Zusammenhalt verloren, der daraus herrührte, dass unterschiedlichste Arten von Menschen gemeinsam Dienst taten. Man höre sich etwa die Beschreibung des mit dem Wirtschaftsnobelpreisträgers Robert Solow über seine Erfahrung in der Armee an; er bezeichnete sie als eine der besten und wichtigsten Phasen seines Lebens. Sollte US-Präsident Donald Trump das Ergebnis der Wahl 2020 nicht anerkennen oder sich weigern, nach einer Verurteilung im Amtsenthebungsverfahren das Weiße Haus zu verlassen, werden wir die soziale Kluft – die uns ein Militär beschert hat, dessen untere Dienstgrade von den Orten und Menschen gestellt werden, die Trump am inbrünstigsten unterstützen – womöglich noch bedauern.

Die Chicagoer Ökonomen haben uns einen gesunden Respekt vor den Märkten eingeflößt, aber ein unzureichendes Bewusstsein dessen vermittelt, was Märkte nicht leisten können, nur schlecht leisten oder was zu tun sie niemals beauftragt werden sollten. Die Philosophen haben nie akzeptiert, dass das Geld die einzige Messgröße des Guten ist, und die Ökonomen verbringen zu wenig Zeit damit, sie zu lesen und ihnen zuzuhören.

Doch das könnte sich womöglich ändern. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Peter Diamond war ein langjähriger Mitarbeiter von Mirrlees, und seine Arbeit, gemeinsam mit Emmanuel Saez, hilft derzeit, die Pläne von US-Senatorin Elizabeth Warren, einer führenden Bewerberin um die Kandidatur gegen Trump in 2020, zu formulieren, wieder hohe Grenzsteuersätze für die Reichen einzuführen. Egal, wie die Wahl 2020 ausgeht: Mehr Aufmerksamkeit für eine Wirtschaftslehre, wie sie in Cambridge vertreten wird, könnte das Vertrauen nicht nur in den Kapitalismus, sondern auch in die Wirtschaftswissenschaften selbst wiederherstellen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/na0Y5Oode;