Geborene Pianisten?

LONDON – Alan Rusbridger, Chefredakteur der britischen Tageszeitung The Guardian, hat ein Buch über seinen Beschluss geschrieben, jeden Tag 20 Minuten lang Klavier zu üben. Die Bewunderung seiner Freunde war ihm sicher, als er ihnen achtzehn Monate später Chopins außerordentlich schwierige Ballade Nr. 1 in G-Moll vorspielte. Hätte das jeder gekonnt? Oder war dafür eine besondere Begabung erforderlich?

„Nature vs. Nurture“ − die Frage, ob Veranlagung oder Umwelt den Menschen prägt, wird schon seit langem diskutiert. Sie bleibt ungeklärt, weil die wissenschaftliche Fragestellung seit jeher mit Politik verwoben ist. Vereinfacht ausgedrückt wird der Schwerpunkt von politisch Konservativen auf die angeborenen Fähigkeiten gelegt; die Umwelteinflüsse werden von den politisch Radikalen hervorgehoben.

John Stuart Mill, englischer Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts, zählte zu den Vertretern des „das kann jeder“. Er war überzeugt, dass seine Leistungen in keiner Weise einer außergewöhnlichen Veranlagung geschuldet waren: Jeder, der über eine „normale Intelligenz und Gesundheit“ verfügt und den Erziehungsmethoden seines Vaters unterworfen wird – unter anderem Griechischunterricht im Alter von drei Jahren – hätte John Stuart Mill werden können.

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