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Rückkehr zum Containment

VENEDIG – „Hauptelement jeder US-Politik gegenüber der Sowjetunion muss ein langfristiges, geduldiges, aber konsequentes und umsichtiges Containment sein“, schrieb der US-Diplomat George Kennan 1947 in einem Artikel in Foreign Affairs, den er bekanntermaßen mit „X“ unterzeichnete. Ersetzt man „Sowjetunion“ durch „Russland“, macht Kennans Politik des „Containments“ auch heute absolut Sinn. Es scheint fast, als hätte sich in beinahe 70 Jahren nichts geändert, obwohl in Wahrheit alles anders ist.

Natürlich könnte man sagen, dass die Sowjetunion dauerhaft in Schach gehalten wurde. Aber Russland zeigt heute dieselben „expansiven Neigungen“, vor denen Kennan damals warnte. Tatsächlich hat das Maß des Vertrauens zwischen Russland und dem „Westen“ heute seinen tiefsten Punkt zumindest seit Ende des Kalten Krieges erreicht. Laut Witaly I. Tschurkin, Russlands Botschafter bei den Vereinten Nationen, sind die derzeitigen Spannungen „vermutlich die schlimmsten seit 1973“, als der Jom-Kippur-Krieg die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion einer nuklearen Konfrontation näher brachte als zu jeder anderen Zeit seit der Kubakrise.

Ein derartiger Pessimismus ist gerechtfertigt. Allein in diesem Jahr haben sich die Quellen des Zerwürfnisses mit Russland vermehrt und vertieft. Russland sich von einer Anzahl von Nuklearabkommen zurückgezogen, und der Kreml hat vor kurzem atomwaffenfähige Iskander-Mittelstreckenraketen in Kaliningrad nahe der polnischen Grenze stationiert.

Darüber hinaus ist die Krise in der Ukraine noch lange nicht beigelegt: Das Minsker Waffenstillstandsabkommen wird nicht respektiert, und der bewaffnete Konflikt kann jederzeit eskalieren. Auch scheint es wahrscheinlich, dass Russland direkt in die Innenpolitik der westlichen Demokratien eingegriffen hat, etwa, indem es heimlich sensible Dokumente öffentlich gemacht hat oder indem es rechtsgerichtete Populisten finanziert hat, die den Kreml unterstützen würden – von Marine Le Pen bis Donald Trump.