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Amerikas Handelsdefizit beginnt zu Hause

NEW HAVEN – Dank des Spiels mit den Ängsten der Wähler im Zuge des US-Präsidentschaftswahlkampfes werden die Handelsdebatte und ihre Auswirkungen auf die amerikanischen Arbeitnehmer an beiden Enden des politischen Spektrums verzerrt. Von den Verbalausfällen gegen China auf der Rechten bis hin zum Widerstand gegen die Trans-Pazifische Partnerschaft (TPP) auf der Linken stellen Politiker beider Parteien den Außenhandel fälschlich als größte wirtschaftliche Bedrohung Amerikas dar.

Im vergangenen Jahr wiesen die Vereinigten Staaten Handelsdefizite gegenüber 101 Ländern auf – was man im Wirtschaftssprech als „multilaterales Handelsdefizit“ bezeichnet. Aber dies lässt sich nicht an einem oder zwei „schlechten Akteuren“ festmachen, so wie die Politiker das unweigerlich tun. Zwar entfällt auf China – jedermanns liebsten Sündenbock – der größte Anteil dieses Ungleichgewichts. Doch die kombinierten Defizite der anderen 100 Länder sind sogar noch höher.

Was die Kandidaten der amerikanischen Bevölkerung verheimlichen, ist, dass das Handelsdefizit und der Druck, den dieses auf die schwer bedrängten Arbeitnehmer der Mittelschicht ausübt, auf Problemen im eigenen Land beruht. Tatsächlich ist der wahre Grund dafür, dass die USA ein derart enormes Handelsdefizit aufweisen, dass die Amerikaner nicht sparen.

Die Gesamtersparnisse in den USA – d. h., die Gesamtsumme der Ersparnisse von Familien, Unternehmen und dem staatlichen Sektor – beliefen sich im vierten Quartal 2015 auf gerade mal 2,6% des Volkseinkommens. Das ist ein Rückgang um 0,6 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr und weniger als die Hälfte des Durchschnitts der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.