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Die Irrealität „realer“ Konjunkturzyklen

LONDON – Im Zuge einer Aussage vor einem amerikanischen Kongressausschuss erklärte der ehemalige Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Alan Greenspan, jüngst, dass die aktuelle Kernschmelze des Finanzsystems seine „intellektuelle Struktur“ zerschmettert hätte. Ich wüsste zu gerne, was er damit meinte.

Da ich keine Gelegenheit habe, ihn zu fragen, muss ich mich auf der Suche nach Hinweisen auf seine Memoiren Mein Leben für die Wirtschaft verlassen. Dieses Buch wurde allerdings im Jahr 2007 veröffentlicht – also vermutlich bevor seine intellektuelle Struktur in Brüche ging.

In seinen Memoiren enthüllt Greenspan, dass sein Lieblingsökonom Joseph Schumpeter sei, der Erfinder des Konzepts der „schöpferischen Zerstörung“. Greenspans Zusammenfassung der Lehre Schumpeters liest sich folgendermaßen: „Eine Marktwirtschaft belebt sich selbst von innen heraus ständig neu, indem sie alte und schwächelnde Branchen aussortiert und die Ressourcen auf neuere, produktivere Bereiche umverteilt.“ Greenspan hat „diese Muster von Innovation und Veraltung  wieder und wieder ” beobachtet.   

Schumpeter sagte, dass der Kapitalismus die Existenzbedingungen für den Menschen durch einen „ewigen Sturm der schöpferischen  Zerstörung” verbessere. Dieses Phänomen verglich er mit dem Darwinschen Prozess der natürlichen Auslese, der das Überleben der Tauglichsten sicherstellt. Greenspan formuliert, dass der schöpferischen Zerstörung durch Gesetze des New Deal von Franklin Roosevelt die „Schärfe“ genommen wurde, aber Amerika nach einer Welle der Deregulierung in den 1970er Jahren den Großteil seiner unternehmerischen und risikobereiten Grundhaltung wieder erlangte. Greenspan merkt an, dass der Dot-Com-Boom in den 1990er Jahren „Schumpeters Vorstellung von der kreativen Zerstörung größere Verbreitung verschaffte.“