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Der verhinderte Aufstieg der Ségolène Royal

Vor zwei Monaten noch war man sich in politischen Insiderkreisen in Paris einig: Das Rennen um die Präsidentschaft war zwar offen, aber Ségolène Royal war die klare Favoritin. Heute scheint es genau umgekehrt zu sein. Obwohl der Wahlkampf noch nicht vorüber ist, liegt Nicolas Sarkozy in den Meinungsumfragen beständig voran, auch bei denjenigen, die ihn Anfang Dezember beinah abgeschrieben hatten. Der neue Konsens kann wie folgt beschrieben werden: Ségolène Royal kann Nicolas Sarkozy nicht schlagen, aber Sarkozy kann sich selbst schlagen.

Warum ist die sozialistische Kandidatin, die erste Frau, die eine realistische Chance hatte, zur Präsidentin Frankreichs gewählt zu werden, so schnell in Ungnade gefallen? Und warum hat sich Sarkozy trotz der oftmals negativen Emotionen, die seine Persönlichkeit hervorruft, als so unverwüstlich erwiesen?

Wenn Ségolène Royal eine Niederlage erleidet, dann nicht, weil, sondern obwohl sie eine Frau ist. Die Franzosen sind bereit für eine Frau, aber vielleicht nicht für diese. Sie ist schön, energisch, resolut und in vielerlei Hinsicht für Überraschungen gut. Ihre Positionen im Hinblick auf Recht und Ordnung, Respekt vor der Autorität und Nationalismus liegen weit von dem entfernt, was man sich von einer sozialistischen Kandidatin erwarten würde.

Royal gelang es allerdings bis jetzt nicht, ihr Lager hinter sich zu vereinen. Ihre Wahlkampfmischung aus Autoritarismus und Konfusion, wenn nicht gar pure Inkompetenz, nagt an der Moral ihrer Anhänger und bestätigt die Vorbehalte ihrer Gegner. Viele französischen Wähler haben, ungeachtet ihrer politischen Präferenzen das Gefühl, dass hier eine „Amateurin“ gegen einen „Profi“ antritt. Während es Sarkozy gelang, sich ohne die Unterstützung von Jacques Chirac auf der Rechten zu positionieren, können sich die maßgeblichen Sozialisten bis heute nicht durchringen, geschlossen hinter Royal zu stehen. Ihre Niederlage wäre auch deren Niederlage, aber der Groll, ihr bei der Nominierung des Präsidentschaftskandidaten unterlegen gewesen zu sein, ist noch immer stärker als alle politischen Überlebensinstinkte.