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Die ideologische Krise des Kapitalismus westlicher Prägung

NEW YORK. Es ist gerade mal ein paar Jahre her, dass eine schlagkräftige Ideologie – der Glaube an freie und uneingeschränkte Märkte – die Welt an den Rand des Ruins brachte. Und selbst in seiner Blütezeit, vom Anfang der 1980er Jahre bis 2007, machte der deregulierte Kapitalismus amerikanischen Stils im reichsten Land der Welt nur die Allerreichsten reicher. Die meisten Amerikaner mussten im Laufe des 30 Jahre währenden Aufstiegs dieser Ideologie mit ansehen, wie ihr Einkommen Jahr für Jahr fiel oder stagnierte.

Zudem war der Produktionsanstieg in den USA wirtschaftlich nicht nachhaltig. Da ein so großer Teil des US-Volkseinkommens an so wenige ging, war das Wachstum nur durch einen immer stärker auf Pump finanzierten Konsum aufrechtzuerhalten.

Ich gehörte zu jenen, die hofften, die Finanzkrise würde die Amerikaner (und andere) lehren, dass wir mehr Gleichheit, eine stärkere Regulierung und ein besseres Gleichgewicht zwischen Markt und Staat brauchen. Das ist leider nicht passiert. Im Gegenteil: Einmal mehr wird die Weltwirtschaft – oder zumindest die Wirtschaft Europas und Amerikas, wo diese Ideen weiter gedeihen – vom wie immer durch Ideologie und Partikularinteressen angetriebenen Wiedererstarken einer rechtsgerichteten Wirtschaftslehre bedroht.

In den USA droht dieses Wiedererstarken der Rechten, die offensichtlich die grundlegenden Gesetze der Mathematik und der Ökonomie außer Kraft setzen wollen, zu einem Zahlungsausfall bei den staatlichen Schulden zu führen. Wenn der Kongress Ausgaben vorsieht, die die Einnahmen übersteigen, ergibt sich ein Defizit, und dieses Defizit muss finanziert werden. Statt die Vorteile jedes staatlichen Ausgabenprogramms sorgfältig gegen die Kosten steigender Steuern zur Finanzierung dieser Vorteile abzuwägen, wollen die Rechten den Vorschlaghammer anlegen: Wenn man keine Zunahme der Staatsschuld zulässt, erzwingt man, dass die Ausgaben auf die Steuereinnahmen begrenzt bleiben.