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Die Mär von den verschütteten Erinnerungen

Wie Opfer sich an ein Trauma erinnern, ist heutzutage eine der umstrittensten Fragen in der Psychologie und Psychiatrie. Viele klinische Traumatologen sind der Ansicht, dass sich Kriegserlebnisse, Vergewaltigungen und andere fürchterliche Erfahrungen offenbar in die Psyche eingravieren und niemals vergessen werden können.

Andere sind mit dieser Theorie nicht einverstanden und meinen, dass sich die Psyche selbst schützen kann, indem sie Erinnerungen an ein Trauma aus dem Bewusstsein verbannt. Dadurch wird es für Opfer schwierig, sich an ihre entsetzlichsten Erlebnisse zu erinnern, bis es viele Jahre später doch gelingt. Obwohl man einräumt, dass Traumata vielfach unauslöschlich sind, wird von diesen Traumatologen behauptet, eine große Minderheit von Opfern sei aufgrund eines Leidens namens „traumatischer dissoziativer Amnesie“ nicht in der Lage, sich an ihr Trauma zu erinnern, weil dieses Erlebnis eben so über alle Maßen schrecklich war.

Allerdings argumentieren diese Traumatologen nicht, dass „unterdrückte“ oder „dissoziierte“ Erinnerungen an Schreckenserfahrungen inaktiv oder gutartig sind. Ganz im Gegenteil, diese verschütteten Erinnerungen zerstören das Leben der Opfer unbemerkt und führen zu anscheinend unerklärlichen psychiatrischen Symptomen, weswegen man diese Erinnerungen ans Tageslicht fördern müsse, um eine Heilung zu ermöglichen.

Hier handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen akademischen Diskurs. Die Auseinandersetzung hat bereits Auswirkungen auf die Arbeit in psychiatrischen Labors und Kliniken, sie findet Eingang in die Schlagzeilen, führt zu Gesetzesänderungen und beeinflusst den Ausgang von Zivil- und Strafprozessen.