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Die letzte Gnadenfrist für den Euro

NEW YORK – Ähnlich einem Gefangenen in der Todeszelle hat der Euro in letzter Minute einen Aufschub seiner Hinrichtung erhalten. Er wird etwas länger überleben. Die Märkte feiern, wie sie es bereits nach den vier vorhergehenden Gipfeln zur “Eurokrise” getan hatten – bis sie verstehen, dass die fundamentalen Probleme erst noch angegangen werden müssen.

Auf diesem Gipfel gab es gute Nachrichten: Die politischen Führer Europas haben endlich verstanden, dass das Selbsthilfeprogramm, im Rahmen dessen Europa den Banken Geld leiht, mit dem diese die Staaten retten und diese wiederum die Banken, nicht funktioniert. Ebenso haben sie erkannt, dass Rettungskredite, die den neuen Kreditgebern Vorrang über andere Gläubiger geben, die Position der privaten Investoren verschlechtern, die dann noch höhere Zinsen fordern.

Dass es so lang gedauert hat, bis die europäischen Politiker etwas so Offensichtliches (und seit der Asienkrise vor anderthalb Jahrzehnten Bekanntes) verstanden haben, ist tief verstörend. Aber das, was bei der Vereinbarung fehlt, ist sogar noch bedeutsamer, als das, was enthalten ist. Vor einem Jahr erkannten die europäischen Politiker, dass sich Griechenland ohne Wachstum nicht erholen würde, und dass Wachstum nicht lediglich durch Sparmaßnahmen erreicht werden konnte. Aber es wurde wenig unternommen.

Der neue Vorschlag besteht in der Rekapitalisierung der Europäischen Investitionsbank als Teil eines Wachstumspakets in Höhe von etwa 150 Milliarden USD. Aber Politiker sind gut darin, neue Pakete zu schnüren, und manchen Aussagen zufolge macht das neue Geld nur einen Bruchteil dieser Summe aus, und selbst dieses wird nicht sofort seinen Weg in das System finden. Kurz gesagt: Die Heilmittel – viel zu wenig und viel zu spät – beruhen auf einer Fehldiagnose des Problems und mangelnder wirtschaftlicher Erkenntnis.