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Alle Macht den Aktionären?

Die Geschichte spielt in Frankreich, Belgien und Luxemburg. Aber eigentlich ist es eine gesamteuropäische Geschichte und ökonomisch betrachtet ist die ganze Welt betroffen. Mittal, der größte Stahlproduzent der Welt, hat nun den zweitgrößten Stahlhersteller der Welt, Arcelor, übernommen. Somit wurde abgeschlossen, was ursprünglich mit einem feindlichen Übernahmeangebot begann.

Wir haben es hier allerdings nicht bloß mit einer Unternehmensfusion zu tun, sondern mit einem Konflikt zwischen verschiedenen Geschäfts- und Gesellschaftsmodellen. Arcelor, ein ursprünglich französisch-luxemburgisches, jetzt allerdings überwiegend belgisches Unternehmen verfügt über eine starke Basis in Brasilien und ist fast auf der ganzen Welt aktiv. Das Unternehmen ist auf qualitativ hochwertige Stahlprodukte für höchst spezifische Anwendungen spezialisiert. Abnehmer dieser Qualitätsprodukte sind überwiegend Langzeitkunden, die über mittel- und langfristige Verträge verfügen. Als einer der ältesten Stahlhersteller der Welt ist Arcelor dem hoch spekulativen Weltmarkt für Rohstahl nur in geringem Ausmaß ausgeliefert und seine Mitarbeiter sind (im Schnitt) hoch qualifiziert und lange im Unternehmen.

Im Gegensatz dazu handelt es sich bei Mittal um ein Firmenkonglomerat, das sich innerhalb von nur zwei Jahrzehnten aus dem Nichts zu einem der führenden Stahlunternehmen dieser Welt entwickelt hat. Das gelang durch geniale Konsolidierung und Rationalisierung von Stahlwerken auf der ganzen Welt. Der Präsident von Mittal ist Inder, aber dort hat der Konzern keine Fabrik. Mittal ist vor allem in Osteuropa, aber auch sehr stark in Asien (Südkorea) und Lateinamerika präsent.

Mittal ist ein zwar starkes, aber auch anfälliges Unternehmen, da es in hohem Ausmaß den spekulativen Schwankungen auf dem Weltmarkt für Rohstahl unterliegt. Die Kosten werden gestrafft und so viel wie möglich Arbeit wird ausgelagert. Daher verdienen die Mitarbeiter Mittals auch weniger als jene bei Arcelor und sie bleiben auch nicht so lange im Unternehmen. Außerdem war Arcelor ein perfektes Ziel für eine Übernahme: Der größte Teil seines Kapitals gehört nämlich unterschiedlichen Aktionären. Bei Mittal ist es genau umgekehrt. Lakshmi Mittal und seine Familie besitzen über 60 % der Aktien. Das erklärt auch, warum Mittal-Aktien in Amsterdam gehandelt werden, auf einer der wenigen Börsen dieser Welt, wo Unternehmen mit derart wenig frei gehandeltem Kapital notieren dürfen. Die Sache beruht daher nicht auf Gegenseitigkeit: Mittal konnte für Arcelor ein Angebot legen, aber Arcelor nicht für Mittal.