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Die Schwulen und die neue öffentliche Philosophie

LONDON – Nun, da der Jahrtausende alte Fokus der Menschheit aufs kollektive Überleben keine primäre Sorge mehr ist, konzentrieren sich einige vom Glück begünstigte Gesellschaften im Westen verstärkt auf Fragen der Menschen- oder Individualrechte. In den letzten Jahrzehnten haben wir eine zweite Blüte des mit Denkern des 19. Jahrhunderts wie etwa John Stuart Mill verknüpften Individualismus erlebt.

Die Rechte des Individuums gingen in den Schrecken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter. Doch seit den 1960er Jahren werden die Leidenschaften, die bisher auf die Behebung kollektiven Unrechts verwandt wurden, zunehmend in den Schutz der Rechte des Einzelnen kanalisiert. Tatsächlich kann man sagen, dass, sofern der Westen heute überhaupt eine öffentliche Philosophie hat, dies eine Philosophie der Menschenrechte ist.

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Ein kleines, aber signifikantes Beispiel hierfür in Großbritannien ist die jüngste Parlamentsdebatte eines Gesetzentwurfs, der das Recht auf Schließung gleichgeschlechtlicher Ehen anerkennt. Diese folgt einer im Frühjahr getroffenen Entscheidung in Frankreich, gleichgeschlechtliche Eheschließungen zu legalisieren. Tatsächlich ist Großbritannien in dieser Frage so etwas wie ein Nachzügler: Dreizehn Länder erlauben gleichgeschlechtliche Ehen bereits, und der gewöhnlich konservative aktuelle Oberste Gerichtshof der USA hat jüngst den „Defense of Marriage Act“, ein 1996 verabschiedetes Gesetz, das die Schließung gleichgeschlechtlicher Ehen ausdrücklich verbot, sowie ein Gesetz in Kalifornien, das gleichgeschlechtliche Ehen untersagte, für verfassungswidrig erklärt.

Britischen Schwulen und Lesben wurde erst 2004 die Schließung „ziviler Partnerschaften“ – Beziehungen mit dem rechtlichen Status einer Ehe, aber anderer Bezeichnung – erlaubt. Damit war die Angelegenheit jedoch nicht ausgestanden; die Leidenschaft für die Menschenrechte verlagerte sich bloß um eine Stufe. Dass man gleichgeschlechtlichen Paaren das gesetzliche Recht vorenthält, sich als verheiratet zu bezeichnen, ist – oder gilt inzwischen als – eine unerträgliche Diskriminierung. Doch diesen Paaren die Eheschließung zu gestatten, hat sich gesetzlich als eine härtere Nuss erwiesen als das Zugeständnis ziviler Partnerschaften.

Die Parlamentsdebatte, die der voraussichtlichen Verabschiedung des Gesetzes vorwegging, ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine Institution (die Ehe) mit einem gesellschaftlichen Anliegen (den Menschenrechten) in Konflikt gerät. Gegner wie Befürworter des Entwurfs geben zu, dass sich die Ehe im Laufe der Zeit in verschiedener Weise verändert hat. Sie stimmen ebenfalls überein, dass ein zentraler Kern dabei unverändert geblieben ist. Aber sie sind sich uneins, worin dieser Kern besteht.

Hauptargument der Entwurfsgegner ist, dass die Ehe immer eine lebenslange Verbindung mit dem Ziel war, sich fortzupflanzen und Kinder aufzuziehen. Dies sei ihre „normative“ Bedeutung – die beste Lösung, die sich die menschliche Rasse habe einfallen lassen, um ihr Überleben zu sichern. Insofern sei die Ehe unentrinnbar ein Bund zwischen Angehörigen unterschiedlicher Geschlechter.

Die Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe halten dem entgegen, dass die eine Konstante, die den Ehestand definiere, das Bekenntnis eines liebenden Paars zu einem „gemeinsamen Lebensweg“ sei. Liebe und das Bekenntnis zueinander seien die einzig relevanten Kriterien. Es sei schlicht ungerecht, Menschen, die dieses öffentliche Bekenntnis leisten wollten, den Status der Ehe vorzuenthalten.

Es gab viele findige Versuche, einen Kompromiss herbeizuführen. Im Oberhaus brachte der frühere Justizminister Lord Mackay of Clashfern einen Änderungsantrag ein, wonach der Gesetzentwurf zwischen zwei Eheformen unterscheiden solle: Ehe (gleichgeschlechtlich) und Ehe (andersgeschlechtlich). So würde das gemeinsame Wort Ehe jede Diskriminierung ausschließen, doch durch die Klammern würde deutlich, dass beide Zustände unterschiedlicher Art seien.

Die Befürworter des Gesetzentwurfs, der die gleichgeschlechtliche Eheschließung erlauben soll, verwarfen diese „Klammerehe“ mit Geringschätzung. Aufgrund der Ablehnung des von Clashfern eingebrachten Änderungsantrages mit 314 gegen 119 Stimmen hat der Entwurf im Wesentlichen seine ursprüngliche Form gewahrt. Die Kirchen wären demnach nicht verpflichtet, gleichgeschlechtliche Verbindungen zu segnen, und Lehrer müssten sich nicht (gegen ihr Gewissen) dafür aussprechen, doch soweit es den Staat betrifft, wäre die Ehe eine nicht geschlechtsgebundene Institution.

Die Argumente beider Seiten waren von hoher Qualität, insbesondere im Oberhaus. Doch beim Zuhören kann ich nicht umhin, mich zu fragen, was für einen Bruch in der menschlichen Geschichte es darstellt, so viel geistiges und emotionales Engagement auf eine derart kleine Angelegenheit wie das Vorenthalten eines Wortes – Ehe –, nicht aber seiner Substanz zu verwenden.

Vom lexikografischen Gesichtspunkt haben die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe mit Sicherheit Recht. Die Ehe ist historisch, wie ein Lord es ausdrückte, keine „Handtasche“, in die sich Äußerungen der Liebe und des Bekenntnisses zueinander jeglicher Form verpacken lassen. Sie wird im Großbritannien unserer Tage nicht so betrachtet, und in der nicht-westlichen Welt, wo der Bund zwischen Mann und Frau als Norm gilt, noch viel weniger.

Doch hat die Argumentation der Entwurfsgegner eine offensichtliche Schwäche: Sie verweisen düster auf die „unbeabsichtigten Folgen“ der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe, sind jedoch nicht in der Lage, genau zu erklären, was diese Folgen denn sein würden. Es ist nicht erkennbar, inwiefern die „normale“ Ehe, Fortpflanzung oder Aufziehung von Kindern durch diese „Definitionserweiterung“ bedroht sein sollten.

Tatsächlich versäumen es die Entwurfsgegner, zu erwähnen, dass sich die traditionelle Ehe in den westlichen Gesellschaften in einem ziemlich fortgeschrittenen Stadium des Niedergangs befindet. Immer weniger Menschen machen sich die Mühe, zu heiraten, und die Ehe selbst gilt immer weniger als Bund fürs Leben. Familien haben heute immer weniger Kinder, und immer mehr Kinder werden unehelich geboren. Eine der „unbeabsichtigten Folgen“ des Gesetzentwurfs könnte also darin bestehen, die Gruppe der Verheirateten um erwünschte Zugänge zu ergänzen, selbst wenn diese Zugänge von historisch ungewöhnlicher Art sind.

Ich selbst habe nach langem Grübeln für den Gesetzentwurf gestimmt, freilich ohne irgendein besonderes Gefühl, damit der Freiheit einen großen Dienst erwiesen zu haben. Er bringt der Minderheit eine klare Stärkung ihres Status, ohne der Mehrheit in offensichtlicher Weise zu schaden, und die langfristigen Folgen sind nicht zu ermessen. Letztlich schien die Entscheidung als Selbstgänger.

Trotzdem bleibt für mich ein Nachgeschmack. Jede Institution, schrieb Mill in Über die Freiheit, müsse ihre Berechtigung unter Beweis stellen; könne sie dies nicht, verdiene sie es, hinweggeschwemmt zu werden.

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Aber was zählt als Berechtigung? Für die Institution, in der ich selber sitze, das britische Oberhaus, gibt es, was ihre Zusammensetzung oder Befugnisse angeht, keine rationale Rechtfertigung. Doch die Dauerhaftigkeit einer Institution wie der Ehe ist ein gewisser Anhaltspunkt für ihren Wert. Zumindest aus Gründen der Besonnenheit sollten die Reformer einhalten und nachdenken.

Aus dem Englischen von Jan Doolan