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Reformer wider Erwarten

MOSKAU – In den letzten Jahren hat Papst Franziskus die Kernbotschaft der Katholischen Kirche mit leidenschaftlicher Kritik an ungezügeltem Kapitalismus sowie einer fortschrittlicheren Weltsicht neu belebt. Bei den Vorwahlen in den Vereinigten Staaten macht Senator Bernie Sanders aus Vermont im Rahmen seines Präsidentschaftswahlkampfs im Grunde das gleiche für die Demokratische Partei – und die amerikanischen Politik im weiteren Sinne.

Sanders’ Botschaft nimmt massive Anleihen an der Occupy Wall Street-Bewegung (OWS) und ihrem Aufruf zum Kampf gegen wirtschaftliche Ungleichheit. Aber noch bevor sich Sanders um die Nominierung der Demokraten bewarb, gewann Franziskus mit einer ähnlichen Botschaft die Herzen von Millionen Menschen.

Franziskus prangerte die „immer tiefere Kluft zwischen den Wohlhabenderen und denjenigen“ an „die sich mit den Brotkrumen zufriedengeben müssen.“ Seine Vision „einer Kirche der Armen für die Armen“ trug ihm den Beinamen „Volkspapst“ ein. Es sollte daher keine Überraschung sein, dass er im Vorjahr die Autorin und OWS-Aktivistin Naomi Klein zu einer von ihm initiierten Umweltkonferenz in Rom einlud.

Heuer sprach Sanders vor der gleichen Versammlung und argumentierte, dass der Klimawandel die gravierendste Sicherheitsbedrohung dieser Welt sei. Seine von ihm schon seit langem vertretenen Überzeugungen zu diesem Thema decken sich mit jenen von Franziskus, der sich in einer bahnbrechenden Enzyklika hinsichtlich des Klimawandels auf die Seite der wissenschaftlichen Gemeinde stellt. Sowohl Sanders als auch Franziskus stellen einen Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und ungezügeltem Kapitalismus her und betonen, dass die Ärmsten dieser Welt unverhältnismäßig unter den ökologischen Auswirkungen jener Aktivitäten leiden, die den Reichsten zu noch mehr Wohlstand verhelfen.