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Klein-England und das nicht mehr so große Britannien

AMSTERDAM – Als Anglo-Holländer – mit britischer Mutter und holländischem Vater – kann ich nicht umhin, den Brexit ziemlich persönlich zu nehmen. Ich bin kein bedingungsloser Europa-Enthusiast, aber eine Europäische Union ohne Großbritannien fühlt sich an, wie bei einem schrecklichen Unfall eine Gliedmaße zu verlieren.

Doch nicht alle meine Mitbürger sind unglücklich. Der holländische EU- und islamfeindliche Demagoge Geert Wilders twitterte: „Ein Hurra den Briten! Jetzt sind wir dran.” Diese Geisteshaltung ist bedenklicher und unheilvoller als die Auswirkungen des Brexit auf die britische Wirtschaft. Zerstörungsdrang kann ansteckend sein.

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Das Image des Vereinigten Königreichs hat sich buchstäblich über Nacht verwandelt. Über 200 Jahre lang verkörperte Großbritannien ein gewisses Ideal der Freiheit und Toleranz (zumindest für viele Europäer; Inder werden das womöglich etwas anders sehen). Anglophile Menschen bewunderten Großbritannien aus vielen Gründen, unter anderem auch für seine relative Offenheit gegenüber Flüchtlingen aus illiberalen Regimen auf dem Kontinent. Es war ein Land, in dem ein Mann mit sephardisch-jüdischen Wurzeln, Benjamin Disraeli, Premierminister werden konnte. Und es stellte sich 1940 Hitler praktisch alleine entgegen.

Der in Ungarn geborene Schriftsteller Arthur Koestler, ein ehemaliger Kommunist, der alles über politische Katastrophen in Europa wusste und von spanischen Faschisten beinahe exekutiert worden wäre, flüchtete im Jahr 1940 nach Großbritannien. Seine Wahlheimat bezeichnete er als das „Davos für innerlich verwundete Veteranen des totalitären Zeitalters”.

Meine Generation, kurz nach dem Krieg geboren, wuchs mit Mythen auf, die auf Wahrheit beruhten und in Comic-Büchern und Hollywood-Filmen Verbreitung fanden: Mythen über Spitfires, die über unseren heimatlichen englischen Countys gegen Messerschmitts kämpften, über Winston Churchills knurrenden Widerstand und schottischen Dudelsackpfeifern, wie sie die Strände der Normandie entlangmarschierten. 

Das Image Großbritanniens als Land der Freiheit wurde von der Jugendkultur der 1960er Jahre noch weiter befeuert. An die Stelle der Spitfire-Piloten als kraftvolle Freiheitssymbole traten die  Beatles, die Rolling Stones und die Kinks, deren Musik wie frischer Wind über ganz Europa und die Vereinigten Staaten fegte. Eine britische Mutter zu haben, erfüllte mich mit einem naiven und unverdienten Gefühl des Stolzes. Trotz des industriellen Niedergangs, nachlassender Weltgeltung und zunehmend unfähigen Fußballs blieb für mich manches an Großbritannien immer das Beste. 

Natürlich bestanden zahlreiche Gründe dafür, warum 52 Prozent der Abstimmungsteilnehmer die Kampagne für den Austritt unterstützten. Die Opfer des industriellen Niedergangs haben gute Gründe, sich benachteiligt zu fühlen. Weder die Linke noch die Rechte kümmerte sich um die Interessen der alten Arbeiterschicht in den kaputten Bergbaustädten, rostenden Häfen und verfallenden Industriestädten. Als die von der Globalisierung und Londons Big Bang Benachteiligten sich beklagten, dass es aufgrund der Zuwanderung noch schwieriger wurde, einen Job zu finden, stempelte man sie allzu leichtfertig als Rassisten ab.

Doch das kann keine Entschuldigung für die hässliche Seite des englischen Nationalismus sein, wie sie von der UK Independence Party Nigel Farages angeheizt und von den Brexit-Befürwortern in der Konservativen Partei unter der Führung des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson und des Justizministers im Kabinett von Premierminister David Cameron, Michael Grove, zynisch ausgenutzt wurde. Die englische Fremdenfeindlichkeit gedieh insbesondere in Regionen, wo man Ausländer nur selten zu Gesicht bekommt. London, wo die meisten Einwanderer leben, stimmte mit deutlichem Abstand für einen Verbleib in der EU. Das ländliche Cornwall, wo man enorm von EU-Subventionen profitiert, stimmte dagegen.

Die unerträglichste Ironie für einen Europäer meines Alters und meiner Disposition liegt in der Art und Weise, wie dieser engstirnige und trostlose Nationalismus oftmals seinen Ausdruck findet. Der Fanatismus gegen die Immigranten wird genau in jene Freiheitssymbole gekleidet, die wir als Heranwachsende bewunderten, wie die Filmausschnitte mit den Spitfires und die Zeugnisse von Churchills stärksten Momenten.

Die wilderen Austrittsbefürworter – rasierter Kopf, tätowierte Nationalflagge – ähneln den englischen Fußball-Hooligans, die europäische Stadien mit ihrer speziellen Art der Gewalt unsicher machen. Doch wie die vornehmen Ladies und Gentlemen in ihren Grafschaften in Little England die Lügen Farages und Johnsons mit der gleichen Ekstase beklatschen, wie sie einst britischen Rockstars im Ausland zuteil wurde, ist nicht weniger beunruhigend.

Viele Austrittsverfechter werden sagen, dass sie darin keinen Widerspruch erkennen. Die Symbole aus der Kriegszeit waren ganz und gar nicht fehlplatziert. Für sie hat das Argument für den EU-Austritt nicht weniger mit Freiheit zu tun als der Zweite Weltkrieg. Schließlich sei „Brüssel“ eine Diktatur, wie sie sagen und die Briten – oder eigentlich die Engländer – erheben sich für Demokratie. Millionen Europäer, so hören wir, stimmen ihnen dabei zu.

Es trifft tatsächlich zu, dass viele Europäer diesen Standpunkt vertreten. Doch bei den meisten von ihnen handelt es sich um Anhänger von Marine Le Pen, Geert Wilders und anderen populistischen Hetzern, die Volksabstimmungen anstreben, um gewählte Regierungen zu untergraben sowie Ängste und Ressentiments unter den Menschen ausnützen, um sich ihren eigenen Weg an die Macht zu bahnen.  

Die EU ist keine Demokratie und sie gibt auch nicht vor, eine zu sein. Allerdings werden europäische Entscheidungen nach wie vor von souveränen – und noch wichtiger: gewählten – nationalen Regierungen nach endlosen Beratungen getroffen. Dieser Prozess gestaltet sich oftmals undurchsichtig und lässt auch einiges zu wünschen übrig. Aber den Freiheiten der Europäer ist nicht besser gedient, wenn man jene Institutionen sprengt, die sorgfältig auf den Ruinen des letzten verhängnisvollen europäischen Kriegs errichtet wurden.

Löst der Brexit eine europaweite Revolte gegen liberale Eliten aus, wäre es das erste Mal in der Geschichte, dass Großbritannien an der Spitze einer Welle des Illiberalismus in Europa steht. Das wäre eine große Tragödie – für Großbritannien, für Europa und für eine Welt, in der sich die meisten der bedeutendsten Mächte ohnehin bereits zunehmend illiberaler Politik zuwenden.  

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Die endgültige Ironie besteht darin, dass die letzte Hoffnung für eine Umkehrung der Verhältnisse und den Erhalt der Freiheit, für die so viel Blut geopfert wurde, nun wahrscheinlich bei Deutschland liegt, dem Land, das meine Generation in ihrer Jugend als ein Symbol blutiger Tyrannei hasste. Doch zumindest bislang scheinen die Deutschen die Lektionen aus der Geschichte besser gelernt zu haben als eine verstörend hohe Anzahl von Briten.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier