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Wir müssen die Corbynomie ernst nehmen

LONDON – In Großbritannien sind haushaltspolitische Sparmaßnahmen zu einer derartigen Standardmethode geworden, dass jeder, der sie in Frage stellt, als gefährlicher Linker gebrandmarkt wird. Das jüngste Opfer dieser Verunglimpfungswelle ist Jeremy Corbyn, der aktuelle Favorit für den zukünftigen Vorsitz der britischen Labour Party. Einige seiner Positionen sind haltlos. Aber seine Aussagen zur Wirtschaftspolitik sind nicht dumm und verdienen eine gründliche Untersuchung.

Zu der aktuellen britischen Sparpolitik hat Corbyn zwei Alternativen vorgeschlagen: eine Nationale Investitionsbank, die durch den Abbau von Steuererleichterungen und Subventionen für den privaten Sektor kapitalisiert werden soll; und das, was er „quantitative Erleichterung für Menschen“ nennt – kurz gesagt, ein Infrastrukturprogramm, das die Regierung durch die Aufnahme von Krediten bei der Bank of England finanziert.

Die erste Idee ist weder neu noch extrem. Es gibt eine Europäische Investitionsbank, eine Nordische Investitionsbank und viele andere. Alle werden sie durch Staaten oder Staatengemeinschaften mit Kapital ausgestattet, um durch Kreditaufnahme an den Kapitalmärkten geplante Projekte zu finanzieren. Der Leitgedanke hinter dieser Art von Institution beruht darauf, was der große Sozialtheoretiker Adam Smith die Verantwortung des Staates für den „Aufbau und Erhalt“ derjenigen „öffentlichen Werke und Institutionen“ genannt hat, die zwar keine privaten Profite abwerfen, aber von großem Nutzen für die Gesellschaft sind.

Mit anderen Worten, der Staat muss immer auch eine Investitionsfunktion haben. Diese Funktion an eine spezialisierte Institution zu delegieren, könnte für die Vorstellung des öffentlichen Haushalts vorteilhaft sein.