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Israels gefährliches politisches System

PARIS – Was ist mit Israel los? In den letzten Jahren hat der jüdische Staat anscheinend mehr dafür getan, sich in den Augen der Welt zu delegitimieren als alle seine Feinde zusammen. Die offenkundige Unfähigkeit seiner Führung strategisch zu denken und ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Tribunal der Weltöffentlichkeit führt zu wachsender Frustration bei seinen Bürgern und, was sich als gefährlicher erweisen könnte, sich vertiefender internationaler Isolation.

Wo soll man nach einer Erklärung für diese tragische Entwicklung suchen? War es einfach unvermeidlich, dass einem Volk, dem über 2000 Jahre lang ein Staat vorenthalten blieb, möglicherweise die Fähigkeit abhanden gekommen ist, kollektiv in einer Manier der „Staatsräson“ zu handeln?

Vielleicht hat auch das Gewicht der Erinnerung an den Holocaust Israels Führung blind werden lassen und ihr Denken verzerrt – wie es der Holocaust selbst auf fast wundersame Weise nicht getan hat in der Zeit als der Staat Israel gegründet wurde.

Sicherlich hat das Scheitern des Friedensprozesses in den Neunzigerjahren, gefolgt von der zweiten Intifada, die Radikalisierung der extremen Kräfte und die Entmutigung der gemäßigten Kräfte in Israel gefördert. Und die Wiederbelebung religiöser Parteien – in einem Land, das von erklärten Säkularisten gegründet wurde – hat einem politisch mächtigeren aber auch nationalistischeren und intoleranten Milieu den Weg frei gemacht.