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Vom Kosovo nach Tibet

LONDON – Warum verhält sich China so wie derzeit in Tibet? Warum ist Tibet für die Regierung in Peking so wichtig? Im Kern geht es darum, dass nichts die chinesischen Machthaber stärker beunruhigt, als wenn die Einheit des Landes in Frage gestellt wird. Und nichts macht sie so nervös wie ihre Angst, dass sich ein regionaler Streit ausweiten und zur nationalen Zersetzung führen könnte, wenn er nicht schnell beendet wird.

Die vor kurzem einseitig abgegebene Unabhängigkeitserklärung des Kosovo hat die Besorgnis der chinesischen Regierung über die Proteste in Tibet noch verstärkt. Obwohl die Verfechter der kosovarischen Unabhängigkeit argumentieren, sie stelle keinen internationalen Präzedenzfall dar, befürchten Chinas Machthaber das Gegenteil. Darüber hinaus hat die bevorstehende Präsidentschaftswahl in Taiwan die Spannung für die chinesische Regierung weiter erhöht.

Meinungsumfragen in Taiwan deuten darauf hin, dass der ehemalige Bürgermeister von Taipeh, Ma Ying-jeou von der Kuomintang (KMT), den Kandidaten der regierenden Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), Frank Hsieh, besiegen wird. Doch wird in China befürchtet, dass der amtierende Präsident, Chen Shui-bian von der DPP, nach einem Vorwand sucht, um eine Niederlage für das Lager der Souveränitätsbefürworter zu verhindern. Derzeit plädiert er für ein Referendum darüber, ob Taiwan den Vereinten Nationen beitreten sollte, das China als Provokation und Gefahr für die chinesische Einheit ansieht.

Für die Außenwelt mag es komisch klingen, dass China, das seit drei Jahrzehnten nichts als wirtschaftliche Erfolge verbuchen kann, seine Einheit als etwas so Zerbrechliches betrachtet. Doch deutet Chinas ältere wie neuere Geschichte darauf hin, dass nichts an der derzeitigen Einheit des Landes beständig oder stabil ist. Tatsächlich wurde die heutige Einheit lediglich durch Maos Sieg 1949 gesichert.