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Fiktionale Souveränitäten

LONDON –  Vor einem Jahr versuchte das kleine Georgien, die Kontrolle über seine abtrünnige Enklave Südossetien wieder zu erlangen. Die Russen verwiesen die georgische Armee umgehend des Landes, was im Westen eine fast einhellige Bestürzung auslöste. Prompt erklärten Südossetien und Abchasien ihre „Unabhängigkeit“ (mit einer Bevölkerung von zusammen 300.000), wodurch zwei neue fiktionale Souveränitäten entstanden sind, die bei der Gelegenheit alle Insignien der Eigenstaatlichkeit anhäufen: nationale Helden, bunte Uniformen, Hymnen, Fahnen, Grenzstationen, Streitkräfte, Präsidenten, Parlamente und nicht zuletzt neue Gelegenheiten für Schmuggel und Korruption.

Bisher haben nur Russland und Nicaragua die Unabhängigkeit von Abchasien und Südossetien anerkannt. Die russische Anerkennung wurde allgemein als Vergeltungsmaßnahme für die Anerkennung des Kosovo durch den Westen im Frühjahr 2008 gedeutet (Bevölkerung: zwei Millionen), die abtrünnige serbische Provinz.

Tausend Meilen westlich von Georgien liegt Moldawien (Bevölkerung: 3,5 Millionen) zwischen Rumänien und der Ukraine. Das Land wurde 1812 durch das zaristische Russland annektiert, 1918 Rumänien zugesprochen und ging 1940 wieder an die Sowjetunion. 1991 erlangte es dann seine Unabhängigkeit von Moskau. Es ist Mitglied der Vereinten Nationen, des Europarats, der Welthandelsorganisation, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und verschiedener anderer angesehener internationaler Gremien.

Moldawiens Beitrag zur großen Geschichte ist König Stefan der Große, der die Ottomanen in einer großen Schlacht im 15. Jh. besiegte. Es wird dort auch ein recht guter Wein angebaut. Einen bleibenden Eindruck bei meinem letzten Besuch der Hauptstadt Kischinau hat ein Wahlkampfposter hinterlassen, auf dem ein lokaler Politiker namens Lupu zu sehen war, der sich eine Brille vor die Augen hält. Es war nicht klar, ob dieses Bild Visionen oder Weisheit suggerieren sollte.