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Der letzte Tropfen für Europa?

PRINCETON – Die Europäische Union hat es derzeit mit einer absolut horrenden Reihe von Krisen zu tun. Nachdem die lang anhaltende Euro- und Staatsschuldenkrise den Kontinent polarisiert und radikalisiert und zu einem tiefen Bruch zwischen Nord und Süd geführt hat, stehen sich nach der Ankunft hunderttausender Flüchtlinge nun der Osten (plus Großbritannien) und der Westen gegenüber. Dazu kommen noch die zahlreichen anderen Diskrepanzen und Widersprüche; daher scheint ein Zusammenbruch der EU vielen heute wahrscheinlicher denn je.

Man denke etwa an die großen Unterschiede bei der Energiepolitik der EU-Länder, angefangen mit unvereinbaren Energiepreisstrukturen, die der Idee eines gemeinsamen Binnenmarktes zuwiderlaufen. Viele Länder haben zudem unvereinbare Lösungen umgesetzt, die eine Integration der nationalen Energienetze extrem schwierig macht.

Während Frankreich etwa den größten Teil seines Stroms aus Atomkraft gewinnt, leitete Deutschland nach dem GAU im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 2011 in größter Eile einen Atomausstieg ein. Deutschland konzentriert sich jetzt ebenso wie Spanien auf erneuerbare Energien wie Wind und Solar – aber bleibt stark von fossilen Brennstoffen abhängig, wenn kein Wind weht oder die Sonne nicht scheint.

Zugleich hat die von Russland ausgehende Herausforderung für die Sicherheit seit 2008 stetig zugenommen. Seit der illegalen Annexion der Krim und dem Einmarsch in Teilen der östlichen Ukraine ist sie besonders ernst. Anhaltende Kämpfe und ungelöste territoriale Ansprüche haben den Gesprächen über Europas Energiepolitik und insbesondere seiner Abhängigkeit von Energieimporten ein neues Gefühl der Dringlichkeit verliehen.