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Europas überfällige Umstrukturierung

Der Krieg und seine ungeheuren Kosten, fallende Dollarkurse, auflaufende Handels- und Zahlungsbilanzdefizite, Tricks, die Firmen wie Enron und WorldCom unterspült haben, das Platzen der High-Tech-Blase: Der Kapitalismus im Stile Amerikas steht sowohl unter Druck als auch unter einer finstren Wolke. Von links bis rechts glauben viele europäische Intellektuelle, das kapitalistische Spiel, wie es die USA aufführen, sei überholt und die aktive Suche nach einem neuen Modell stünde an.

Rhetorisch stark und von einem Schuss Anti-Amerikanismus angetrieben hat diese Suche allerdings wenig Faktisches hervorgebracht. Berichte über strafbare Handlungen von Firmen gibt es in den USA natürlich reichlich. Doch ist es oberflächlich, wenn man sich von einzelnen Firmenskandalen zu allgemeinen Schlussfolgerungen über die vermutliche Fäulnis der amerikanischen Wirtschaft hinüberschwingt.

Ein genauer Blick auf das Produktivitätswachstum (Ertrag pro Arbeitsstunde) in den USA und in Europa zeigt, dass der US-Kapitalismus so vital wie eh und je geblieben ist. Nach einem jährlichen Wachstum von gerade nur 1.6 % seit den frühen 1970er Jahren, hat sich das jährliche Produktivitätswachstum in den USA im gewerblichen, nicht-agrarischen Sektor auf durchschnittlich 2.6 % in den sieben Jahren seit 1995 gesteigert, ohne Anzeichen für ein Nachlassen erkennen zu lassen. Im Jahr 2002 stieg die Produktivität um 4.8 % - ein außergewöhnliches Ergebnis, da die Produktivität normalerweise bei abflauender Wirtschaftstätigkeit fällt.

Blicken wir jetzt auf Europa! Das jährliche Produktivitätswachstum ließ in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre von 2.5 % auf heute nur noch 1.3 % nach.