Wirtschaftliche Entwicklung vor dem Gesetz

Eine der beherrschenden und scheinbar selbstverständlichen Annahmen der Entwicklungsökonomie lautet, dass für dauerhafte Investitionen und Wachstum Rechtsgrundsätze notwendig sind. Nach dieser Auffassung ist ohne unpersönliche, allgemeine Normen und ihre Durchsetzung durch unabhängige Justizbehörden, wenn überhaupt, nur wenig Entwicklung möglich, weil die Risiken für Arbeitskräfte und Kapital – z. B. Korruption, Willkür und starre Traditionen – zu hoch wären. Trifft diese herkömmliche Überzeugung jedoch immer zu?

Man denke an folgendes zugegebenermaßen beschränktes, aber trotzdem aufschlussreiches Gegenbeispiel: Südafrikas boomende Kleinbusbranche. Die Kleinbustaxis wurden als Antwort auf schwerwiegende Mängel im öffentlichen Verkehrssystem des Landes entwickelt, das sich durch hohe Preise, schlechten Service und ein chaotisches Netzwerk auszeichnet, sie werden jedoch komplett außerhalb der offiziellen Gesetze und Vorschriften betrieben. Was die Branche funktionieren lässt, ist eine allgemein akzeptierte, zwanglose „Geschäftskultur“, die flexibel und innovativ ist und die Betriebskosten niedrig hält.

Die Ergebnisse sind nicht zu bestreiten: Zu den Spitzenzeiten befördern die Kleinbustaxis 65 % des gesamten Pendlermarktes. Somit verdeutlicht die Kleinbusbranche die Wichtigkeit inoffizieller Übereinkünfte. Lokale Kultur und Traditionen sind nicht nur wichtig, sie formen auch entscheidend das Verhalten der Menschen – umso mehr in Entwicklungsländern, insbesondere in denjenigen, die als gescheiterte oder instabile Staaten bezeichnet werden, in denen die Gerichte nicht funktionieren und Vorschriften, wenn es sie überhaupt gibt, daher nur unzureichend durchgesetzt werden. Doch bedeuten schlecht funktionierende offizielle Institutionen nicht, dass es überhaupt keine funktionierenden Strukturen gibt.

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