1

Amerikas Gesundheitswesens: kein Vorbild

TORONTO – Die historische Reform des US-amerikanischen Gesundheitswesens, der Affordable Care Act, von Gegnern als „Obamacare“ verschmäht, liegt dem Obersten US-Gerichtshof zur Entscheidung vor, und das ist Anlass genug, daran zu erinnern, dass die Anzahl der Amerikaner ohne Krankenversicherung 2010, in dem Jahr, in dem das Gesetz erlassen wurde, ein Rekordhoch erreichte. Ungefähr 50 Millionen US-Bürger (ein Sechstel der Bevölkerung) zahlen ihre Arztrechnungen aus eigener Tasche.

Die Rezession von 2008 ist nicht der einzige Grund für diese erstaunliche Zahl, auch langfristige politische Entscheidungen sind dafür verantwortlich. Global, aber besonders für schnell wachsende Volkswirtschaften, ist die Lektion einfach: das amerikanische Modell der privaten Gesundheitsversorgung ist zu vermeiden.

Die USA gehören zu den wenigen Ländern mit hohem Einkommen, die das Gesundheitswesen nicht durch ein öffentliches Versicherungssystem finanzieren. Im Durchschnitt geben die wohlhabenderen Länder ca. 11 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für das Gesundheitswesen aus, davon sind mehr als 80 Prozent öffentlich finanziert, und nur 14 Prozent der Ausgaben betreffen Leistungen, die von Patienten direkt bezahlt werden. Die öffentliche Finanzierung (bzw. in einigen Fällen staatlich regulierte Versicherungsfonds, die auf eine öffentliche Finanzierung hinauslaufen) deckt die meisten ärztlichen Leistungen ab, die Privatversicherungen tragen nur ergänzend mit minimalen Extraleistungen dazu bei.

Die meisten reichen Länder haben sich aus verschiedenen Gründen für eine öffentliche Gesundheitsversorgung entschieden. Erstens ist eine private Gesundheitsversorgung meistens ungleich und ineffizient. Die Bedürfnisse einzelner Personen sind von erheblichen Unterschieden geprägt, und private Unternehmen sind oft nicht bereit, gerade diejenigen zu versichern, die eine Versicherung am dringendsten benötigen (zum Beispiel Personen, die bereits erkrankt sind oder die an Erkrankungen wie Diabetes leiden, die sie anfällig für weitere Erkrankungen machen). Zudem ist es unwahrscheinlich, dass diejenigen, die Pflegeleistungen kaufen – Versicherer und Patienten – über die notwendigen Informationen verfügen, um die sichersten und effektivsten Behandlungen auszuwählen.