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Gesunder Menschenverstand bei Kapitalkontrollen

SANTIAGO DE CHILE: Wenige politische Debatten sind seltsamer als die über Kapitalkontrollen. Wenn Sie das Thema gegenüber einem Banker oder Mainstream-Ökonomen anschneiden, kriegen Sie vermutlich eine vehemente Antwort: Kapitalkontrollen funktionieren nicht, weil Spekulanten sie völlig oder nahezu kostenlos umgehen können, aber Länder sollten derartige Kontrollen nie einführen, weil sie das sehr teuer kommt. Bin ich der Einzige, dem sich diese Logik nicht ganz erschließt?

Die nächste Phase des Gesprächs läuft gewöhnlich genauso seltsam ab. Wenn man es mit Flutwellen potenziell destabilisierender Kapitalzuströme zu tun hat, sind Kapitalkontrollen tabu, aber so etwas wie eine prudentielle Regulierung ist OK. Kapitalkontrollen, so wird man Ihnen vermutlich erzählen, unterscheiden zwischen Transaktionen je nach Wohnsitzland der beteiligten Parteien, und das sei schlecht. Prudentielle Regulierung unterscheide auf Basis der Währung oder Laufzeit der Transaktion, und das sei gut.

Falls das Gespräch bei einer Cocktailparty stattfindet, ist dies der Punkt, wo Sie gut beraten wären, um einen weiteren Drink zu bitten.

Aber genau dies war bis vor kurzem der Diskussionsstand. Die große intellektuelle Änderung kam vom Internationalen Währungsfonds, früher ein erklärter Feind von Kapitalkontrollen. Die IWF-Ökonomen haben nämlich aufgehört, das Thema als Frage von Gut und Böse zu behandeln, und betrachten es in einer Reihe von Studien inzwischen als alltägliche wirtschaftliche Entscheidung: Kapitalkontrollen haben Vor- und Nachteile, die sich messen und vergleichen lassen. Der Fonds argumentiert nun, dass sie ein weiteres Hilfsmittel für umsichtige politische Entscheidungsträger sein sollten, das diese je nach Sachlage einsetzen können.