15

Charlie und Theo

AMSTERDAM – Der niederländische Filmemacher Theo van Gogh, der vor etwas über zehn Jahren von einem radikalen Muslim in Amsterdam ermordet wurde, hatte vieles mit den Satirikern von Charlie Hebdo gemeinsam. Wie die französischen Redakteure und Karikaturisten war er ein Provokateur, ein moralischer Anarchist, der mit seinen Arbeiten schockiert hat und für den es kein Tabu gab, das er nicht brechen wollte.

Weil Antisemitismus das große Tabu im Europa der Nachkriegszeit ist, hat van Gogh Juden mit derben Witzen über Gaskammern beleidigt. Weil von uns erwartet wird, den Islam zu „respektieren“, hat er Allah und seinen Propheten verspottet, ganz ähnlich wie Charlie Hebdo.

Tabubrecher wollen herausfinden, an welchem Punkt die Grenzen der Meinungsfreiheit rechtlich und gesellschaftlich überschritten werden. Entgegen aller Behauptungen, die in der aufgebrachten Atmosphäre nach den grausamen Morden der vergangenen Woche vorgebracht wurden, ist das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht uneingeschränkt. In den meisten europäischen Ländern gibt es Gesetze gegen Volksverhetzung, so auch in Frankreich, wo es verboten ist, die Existenz des Holocaust zu leugnen.

Meinungsfreiheit ist tatsächlich relativ. Ein Künstler oder Schriftsteller kann Dinge sagen, die  ein Richter oder Politiker nicht aussprechen darf. Würde ein Weißer die Sprache verwenden, der sich Afroamerikaner bisweilen im Gespräch untereinander bedienen, wäre dies grob beleidigend. Und so weiter. Durch einfache Gebote der Höflichkeit entstehen gesellschaftliche Schranken, die uns daran hindern, alles zu sagen, was wir wollen.