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Anti-Amerikanismus und die Identität Europas

Die Frage, wie sich die internationale Gemeinschaft gegenüber Iraks rücksichtslosem Diktator Saddam Hussein verhalten soll, ist zu Recht das beherrschende Thema dieses Jahres. In einer Hinsicht wurde sie beantwortet: Die Vereinten Nationen sind beteiligt und werden es bleiben, und die Vereinigten Staaten müssen und werden weiter die Hauptrolle spielen. Den Irak mittels Intervention in Schach zu halten ist die nunmehr wahrscheinlichste Methode. Im Verlauf dieser Entscheidungsfindung sind jedoch einige schon lange schwelende Themen ins Blickfeld geraten.

Eines dreht sich natürlich um den angenommenen "Clash of Civilisations": Wie können wir einen konzentrierten und begrenzten Konflikt zwischen Irak und den UN von der Notwendigkeit trennen, eine Beziehung des Dialogs zwischen den Weltreligionen aufrechtzuerhalten? Eine andere Frage mag einigen engstirniger erscheinen, ist aber global nicht weniger von Bedeutung: Wie sollen wir die Differenzen zwischen Europa und Amerika bewerten, die in der Irakdebatte derart offenkundig geworden sind? Ist dies eine eigene Form von "Clashing Civilizations"?

Zweifellos sind die Differenzen tiefgreifend, die jetzt zwischen Amerika und Europa bestehen und beschränken sich nicht auf die vorübergehend abkühlenden deutsch-amerikanischen Beziehungen oder einem nicht ganz ernsten Austausch von Schmähungen über den "Revolverhelden Amerika" und das "alte Europa". Sogar Intellektuelle sind in die emotionalen Untertöne verstrickt.

Als der britische Historiker Timothy Garton Ash in einem Artikel im New York Review of Books die USA von Europa unterschied, indem er den Titel eines Bestsellers paraphrasierte und schrieb, die "Amerikaner sind vom Mars, Europäer von der Venus", erhoben einige amerikanische Leser Einwände gegen die sexuelle Darstellung eines verweiblichten Europas und eines machohaften Amerikas. Dennoch zählt Garton Ash zu den pro-amerikanischsten Europäern, und seine Ansichten über ein vereintes Europa sind denen seiner vielen Freunde im neuen, "postkommunistischen" Europa verwandter, als denen Frankreichs oder Deutschlands.