Chris Van Es

Amerikanische Macht nach Bin Laden

OXFORD – Wenn ein Staat eine Vormachtstellung hat, sprechen Beobachter oft von einer Hegemonie. Heute argumentieren viele Experten, dass die aufstrebende Macht anderer Länder und der Verlust des amerikanischen Einflusses im revolutionären Nahen Osten auf einen Niedergang der „amerikanischen Hegemonie“ hinweisen. Aber der Begriff ist verwirrend. Zunächst einmal bedeutet die Verfügbarkeit bestimmter Machtressourcen nicht immer, dass auch das gewünschte Ergebnis erzielt wird. Noch nicht einmal der Tod Osama bin Ladens, herbeigeführt durch US-Spezialeinheiten, sagt etwas über die Macht der USA aus.

Nehmen wir beispielsweise die Situation nach dem Zweiten. Weltkrieg. Die USA stellten mehr als ein Drittel aller Waren der Welt her und hatten eine überwältigende Vormachtstellung hinsichtlich ihrer Atomwaffen. Viele hielten sie für die Supermacht der Welt. Trotzdem konnten die USA weder den „Verlust“ Chinas noch den Vormarsch des Kommunismus in Osteuropa noch die Pattsituation im Koreakrieg verhindern. Sie waren unfähig, die Nationale Befreiungsfront in Vietnam zu besiegen oder das Regime Fidel Castros in Cuba zu vertreiben.

Sogar für die Zeit der angeblichen Vormachtstellung Amerikas belegen Studien, dass nur ein Fünftel der amerikanischen Versuche, einen Wandel in anderen Ländern durch militärisches Eingreifen herbeizuführen, erfolgreich waren, während Wirtschaftssanktionen in der Hälfte aller Fälle zum Ziel führten. Trotzdem glauben noch immer viele, dass Amerika eine Supermacht ist, und dass sie im Niedergang begriffen ist, wie vor ihr England. Einige Amerikaner reagieren sehr emotional auf diese Aussicht, obwohl die Geschichte uns lehrt, dass kein Land je immer eine Vormachtstellung besaß.

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