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Der unverzichtbare amerikanische Partner

MADRID – Die Vereinigten Staaten bereiten sich auf das mitreißendste (und anstrengendste) politische Ereignis überhaupt vor: auf einen Wettbewerb um die Präsidentschaft mit offenen Sitzen. Da Vizepräsident Joe Biden wohl kaum antreten wird, findet das Rennen ohne einen Amtsinhaber statt. So könnte die Wahl nicht so sehr eine Abstimmung über die letzten acht Jahre werden, sondern vielmehr ein Ideenwettbewerb mit der Außenpolitik als Schlüsselthema.

Die potenziellen Kandidaten haben bereits versucht, ihre Positionen zu den außenpolitischen Hauptthemen zu finden, und der frühe republikanische Spitzenkandidat Jeb Bush hat bereits eine Rede gehalten, die sich ausschließlich diesem Thema widmete. Und bei den Demokraten rückt die wahrscheinliche Nominierung der ehemaligen Außenministerin Hillary Clinton (trotz der jüngsten Enthüllungen, dass sie für Regierungsgeschäfte ihr persönliches E-Mail-Konto verwendet hat) die zentrale Bedeutung der Außenpolitik noch stärker in den Vordergrund.

Angesichts dieses Trends hat der Globale Agendarat des Weltwirtschaftsforums eine Gruppe von Experten und Fachleuten versammelt, um die außenpolitischen Debatten vor der US-Wahl mit Substanz zu füllen und dazu ein öffentliches Diskussionspapier vorzubereiten. Aus meiner Sicht als einziges europäisches Mitglied der Gruppe sollte die übergeordnete Botschaft darin liegen, dass sich die USA nicht mehr wie bisher als „unverzichtbare Macht“ sieht, sondern als „unverzichtbarer Partner“.

Dieser Unterschied ist nicht nur semantischer Natur, sondern würde bedeuten, dass die USA ihre Rolle in der Welt neu wahrnehmen. Eine solche Neuorientierung wäre sowohl für die USA als auch für die von ihnen geprägte liberale Welt enorm vorteilhaft. Der Schüssel zum Erfolg wäre dabei die Fähigkeit Amerikas, aus dem uramerikanischen Gefühl, etwas Besonderes zu sein, das Beste zu machen – und die schlechten Seiten dieses Gefühls zu verwerfen.