Monday, July 28, 2014
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Mitt Romneys Realitätscheck

NEW YORK – In den vereinigten Staaten tobt derzeit eine Art Krieg zwischen Fakten und Fantasie. Präsident Barack Obamas Wiederwahl stellt einen – begrenzten aber unmissverständlichen – Sieg für die Fakten dar.

Die Ereignisse in den Tagen vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl illustrierten den Kampf anschaulich. Unter hochrangigen Gehilfen des republikanischen Herausforderers Mitt Romney wuchs der Glaube, er stünde kurz vor dem Sieg. Ihre Überzeugung entbehrte jeder Grundlage in den Umfrageergebnissen. Trotzdem wurde das Gefühl so stark, dass manche Gehilfen anfingen, Romney mit „Herr Präsident“ anzusprechen.

Doch der bloße Wunsch, dass es so sei, hat nicht ausgereicht, um es wahr zu machen. Näher sollte Romney dem Amt des Präsidenten nicht kommen, und anscheinend wollte er das genießen, solange er konnte, wenn auch verfrüht. Als die Fernsehsender dann am Wahlabend in ihren Hochrechnungen Romneys Niederlage in Ohio und somit Barack Obamas Wiederwahl vorhersagten, weigerte sich Romneys Wahllager in einem weiteren Akt der Realitätsverweigerung, das Ergebnis zu akzeptieren. Eine äußerst peinliche Stunde verging, bevor er die Fakten akzeptierte und eine wohlwollende Rede hielt, in der er seine Niederlage einräumte.

Diese Missachtung der Realität war nicht nur für den Wahlkampf der Republikaner kennzeichnend, sondern in letzter Zeit für ihre gesamte Partei. Als das Bureau of Labor Statistics im Oktober einen Bericht herausgab, der zeigte, dass die nationale Arbeitslosenquote im Wesentlichen unverändert bei 7,9% blieb, versuchten republikanische Funktionäre, die hochangesehene Behörde zu diskreditieren. Als Umfragen zeigten, dass Romney hinter Präsident Barack Obama zurückfiel, versuchten sie, die Umfragen anzuzweifeln. Als der überparteiliche Congressional Research Service (CRS) meldete, dass der Steuerplan der Republikaner nichts zur Förderung des Wirtschaftswachstums beitragen würde, bearbeiteten republikanische Senatoren den CRS solange, bis er seinen Bericht zurückzog.

Diese ständige Weigerung, schlichte Tatsachen zu akzeptieren, spiegelt ein noch umfassenderes Muster wider. In zunehmendem Maße gestatten sich die Republikaner, einst eine relativ normale Partei, in einer Zweitrealität zu leben – einer Welt, in der George W. Bush tatsächlich die Massenvernichtungswaffen gefunden hat, die er im Irak vermutete; in dieser Welt beseitigen Steuersenkungen auch Haushaltsdefizite, Obama ist nicht nur ein Muslim, sondern wurde auch in Kenia geboren und dürfte somit nicht Präsident sein, und die globale Erwärmung ist ein Scherz, den sich eine Clique von sozialistischen Wissenschaftlern ausgedacht hat. (Auch die Demokraten standen ihrerseits schon mit einem Fuß im Lager der Unwirklichkeit.)

Von allen irrealen Glaubenssätzen der Republikaner war ihre lautstarke Leugnung des vom Menschen verursachten Klimawandels gewiss am überheblichsten. Schließlich hat die Erderwärmung, wenn sie ungehindert bleibt, das Potenzial, die klimatischen Bedingungen zu verschlechtern und zu zerstören, die dem Aufstieg der menschlichen Zivilisation in den letzten zehntausend Jahren zugrunde lagen und ihn ermöglichten.

Als Gouverneur von Massachusetts hatte Romney geäußert, dass er an die Realität der globalen Erwärmung glaube. Als Präsidentschaftskandidat ist er jedoch zu den Leugnern übergelaufen – dieser Positionswechsel wurde deutlich, als er im August die Nominierung seiner Partei in Tampa, Florida, annahm. „Präsident Obama hat versprochen, den Anstieg der Ozeane aufzuhalten“, sagte Romney auf dem Parteitag der Republikaner, dann machte er eine Pause, mit dem erwartungsvollen Lächeln eines Komikers, der wartet, bis das Publikum den Witz verstanden hat.

Mit Erfolg. Gelächter brach aus und wurde lauter. Romney ließ es anschwellen und lieferte dann die Pointe: „Und den Planeten zu heilen.“ Die Menge bog sich vor Lachen. Das war der vielleicht denkwürdigste und bedauerlichste Moment in einem bedauerlichen Wahlkampf; in der Geschichte, die nun über die Anstrengungen der Menschheit zur Erhaltung eines lebenswerten Planeten geschrieben wird, ist dieser Moment dazu prädestiniert, unsterbliche traurige Berühmtheit zu erlangen.

Es folgte ein erstaunliches Nachspiel. Acht Wochen später verwüstete Wirbelsturm Sandy die Küste von New Jersey und New York City. Seine vier Meter hohe Welle wurde durch den Anstieg der Meeresspiegel unterstützt, der bereits durch ein Jahrhundert der globalen Erwärmung verursacht worden war, und die Kraft und Intensität des Sturms wurden durch das wärmere Ozeanwasser eines sich aufheizenden Planeten verstärkt. Diese Flut der Realität – Alexander Solschenizyn sprach einst vom „mitleidlosen Brecheisen der Ereignisse“ – ließ die geschlossene Blase um Romneys Wahlkampf zerplatzen, sie zerbarst ebenso entschieden wie die Mauern im unteren Manhattan und in Far Rockaway.

Im Kampf zwischen Fakten und Fantasie hatten die Fakten plötzlich einen starken Verbündeten. Die politische Karte wurde subtil, aber folgerichtig neugezeichnet. Obama trat in Aktion, jetzt nicht mehr nur als suspekter Kandidat, sondern als vertrauenswürdiger Präsident, der von der arg mitgenommenen Bevölkerung an der Ostküste dringend gebraucht wurde. Acht von zehn Wählern sahen seinen Einsatz positiv, wie Umfragen zeigten, und viele erklärten, der Eindruck habe ihre Wahl beeinflusst.

Der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, der als Programmredner auf dem Parteitag der Republikaner aufgetreten war, auf dem Romney sich über die Gefahren der globalen Erwärmung lustig gemacht hatte, erwies sich in einer überraschenden, politisch kraftvollen Wende als einer von denen, die Obamas Einsatz beeindruckt hatte, was er auch öffentlich kundtat.

Die amerikanische Politwelt – nicht nur die Republikaner, sondern auch die Demokraten (wenn auch in geringerem Maße) – hatte gewaltige, verhängnisvolle Fakten ausgesperrt. Doch als ob diese Fakten zugehört hätten und nun reagieren würden, haben sie den Kampf aufgenommen. Sie haben früh gewählt, und es ist gut möglich, dass sie das Ergebnis beeinflusst haben. Die Erde hat gesprochen, und die Amerikaner haben ausnahmsweise einmal zugehört.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann

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  1. Commentedjames durante

    There are many levels of delusional thinking that comprise the cultural heart of "civilization," the very thing Schell seems so desperate to save. There is the idea that you can somehow square the relentless expansionism of civilizations with justice. There is the idea that civilization can compensate for the loss of primitive innocence when all it does is destroy it with increasing rapacity. There is the idea that "this time is different" and civilization will magically save itself when every civilization, by its very operation, brings about its own collapse.

    Does Schell think that the slightly less delusional democrats have a plan for countering the constant growth model of this civilization? That is delusional.

  2. Commentedjack lasersohn

    You might consider that if a population is lied to often enough, it begins to distrust all historic sources of authority, and is easily preyed upon by charlatans.

    Since you have focused on the lies of the right i will mention a few on the left. The government has been a prime source for many of these 'big lies'.The biggest, and the source of much of the rational anger on the right, has been the claim since the days of FDR and Johnson that we could finance the kind of entitlement system they created without massive taxes on the American middle class at some point. We have reached that point and the portion of the American populous who actually pay taxes have recognized the lie and are now in open revolt.
    The 'big lie' of the recent campaign, that we can finance our enormous future public liabilities , with a tax increase on the upper 1%, was as outrageous as any on the republican side.
    The rejection of science on the left is just as crazy as on the right, from 'vaccines cause autism' , to 'herbal upper colonics cure cancer', to 'all the strontium 90 found in the baby teeth of children must come from nuclear power plants', etc.
    If carbon from fossil fuel is causing global warming, then the rational answer is to tax fossil carbon and let market innovators figure out how to deal with it. Instead, Obama grants special subsidies to favored constituents while implying that this is somehow the answer, so that his favored 'middle class' need never pay a penny to save the planet.
    And the rest of the left wing blogosphere offers similar 'pain free' solutions (debt financed stimulus) to a market crash caused by middle class families buying homes they could not afford on credit.
    Any objective observer should be as shocked by the fantasies of the left as by those of the right.
    If not, one is simply another wild eyed partisan arguing with other partisans about whose fantasies are more unbelievable.

  3. CommentedZsolt Hermann

    Unfortunately not only the Republicans are living in fantasy land.
    The whole of the US and together with them the whole global world is still living in a fantasy of constant quantitative growth as the only possible way of living.
    All the other problems, facts mentioned in the article, including humanity's opposition to nature is part of the same package, and the solution has to also address this root cause.
    The bottom line is that while humanity is simply part of the vast, natural ecosystem around, humans live as if they were above the system and could do whatever they want, inventing their own systems, laws and principles.
    Even if we do not attribute the climate and weather changes directly to human effect, the economical and financial system based on the same attitude is already collapsing burying all of us underneath.
    The only solution is to find our way back to the natural system, recognizing and following its laws, adapting to the intricately interconnected and interdependent system.
    And in that respect all the present leaders, experts and the public alike has to change fundamentally.
    Let us hope that President Obama and his team, freed from the worries of re-election understands this.

  4. CommentedJohn Simms

    In 2004 John Kerry refused to accept the result until Weds morning, yet something tells me Mr. Schell wouldn't have considered that a "denial of fact."

  5. Commentedjimmy rousseau

    Mr. Schell is actually being a little kind to republicans. There are some from this party who sit in congress, both as representatives and senators, who believe in a 6000 year old earth, mock evolution and geology and pay no price in the media for these views.
    But the author is correct in his assessment that eventually they must pay the price for this wilful ignorance. But no their is nothing equivalent on the democratic side of the fence.

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