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basu48_ JOHANNES EISELEAFPGetty Images_stock market Johannes Eiselel/AFP/Getty Images

Amerikas Argentinien-Risiko

ITHACAImmer mehr Menschen sind der Ansicht, die Vereinigten Staaten stünden vor einer Rezession, die vielleicht schon vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 eintritt. Aktuelle Wirtschaftsdaten und statistische Trends weisen darauf hin, dass viele Teile der US-Wirtschaft offensichtlich unter Druck stehen. Dass allerdings eine Rezession vor der Tür steht, scheint mir persönlich nicht offensichtlich zu sein. Tatsächlich ist die wirkliche Gefahr für Amerika viel ernster und lässt sich am besten als „Argentinien-Risiko“ beschreiben.

Während der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts war Argentinien eine der weltweit am stärksten wachsenden Volkswirtschaften. Auch die Talente gingen dorthin: Argentinien hatte pro Kopf mehr Einwanderer als fast jedes andere Land. So gehörte es damals – noch vor Deutschland und Frankreich – zu den zehn reichsten Ländern der Welt.

All dies änderte sich 1930 mit einem Militärputsch unter der Führung von Generalleutnant José Félix Uriburu. Während der darauf folgenden fünf Jahre nahm der rechte Hypernationalismus immer stärker zu, die Einwanderung kam zum Erliegen und die Zollkriege begannen. Zwischen 1930 und 1933 verdoppelte sich der durchschnittliche Importzoll des Landes beinahe. Was dann folgte, war weniger eine Rezession als vielmehr eine wirtschaftliche Verlangsamung in Zeitlupe, deren Narben bis heute sichtbar sind. So wurde Argentinien zu einem Warnbeispiel, wie ein reiches Land von seinem Weg abkommen kann.

Die amerikanische Wirtschaft ist weltweit immer noch führend. Aber niemals in letzter Zeit haben wir die USA so polarisiert und verbittert erlebt wie heute. Wenn ich diese Abwärtsspirale sehe, denke ich zurück an die Zeit vor einem Vierteljahrhundert im Jahr 1994, als ich mit meiner Familie von Indien in die USA übersiedelte. Meine Frau und ich sorgten uns darum, wie wir in eine neue Gesellschaft und fremde Kultur passen könnten und ob unsere Kinder in ihren neuen Schulen akzeptiert würden.

Die Bestätigung kam bereits früh: Neu im Land und voller Unternehmungslust sahen wir in der Lokalzeitung die Ankündigung eines Musikfestivals und fuhren nach Ithaca, um daran teilzunehmen. Bald wurde klar, dass wir einen Fehler gemacht hatten: Das Festival diente in erster Linie als Treffen für schwule Pärchen. Wir fielen dort auf wie bunte Hunde wie auf Grant Woods Bild Indian GothicVater, Mutter, Sohn und Tochter. Es war unmöglich, so zu tun, als seien wir wie die anderen. Aber wir wurden überrascht: Die Menschen, die unsere offensichtliche Verlegenheit erkannten, kamen zu uns. Sie lachten, machten Witze und plauderten mit den Kindern. Es war wunderbar zu erkennen, dass wir in einer offenen, toleranten Gesellschaft lebten.

Aber was ist seitdem mit Amerika geschehen? Auf der Ebene des individuellen Verhaltens: nichts. Das Land ist immer noch so wie früher: offen, zivilisiert und höflich. Man merkt das, wenn man mit Uber-Fahrern, Cafe-Servierern oder Straßenverkäufern spricht ganz zu schweigen vom öffentlichen Radio. Wenn man dort eine dumme Frage stellt, wird einem gesagt: „Das ist eine großartige Frage“. Und wenn man eine dumme Antwort gibt: „Das ist fantastisch“. Die Amerikaner erkennen instinktiv, was der Ökonom Paul Samuelson einst empfahl: Es gibt soziale Situationen, in denen man nicht so reden sollte, als würde man unter Eid stehen.

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Was sich verändert hat, ist die Politik. Die Frage ist, warum normale Amerikaner wenn auch keineswegs mehrheitlich US-Präsident Donald Trump unterstützen, der im Gegensatz zu ihnen wenig Interesse an Freundlichkeit, Zivilisiertheit und Empathie zeigt und auch wenig Interesse für die Marginalisierten und Außenseiter aufbringt.

Um Trumps Beliebtheit zu erklären, müssen wir erkennen, dass die Welt gerade einen so starken technologischen Wandel erlebt, wie es zum letzten Mal während der Industriellen Revolution der Fall war. Für den durchschnittlichen Arbeitnehmer ist das Leben härter geworden. Jobs sind knapp, die Bezahlung ist schlecht, und die Sozialleistungen sind nicht der Rede wert. Ein Grund für die niedrige US-Arbeitslosenquote ist, dass viele Menschen zu entmutigt sind, um überhaupt nach Arbeit zu suchen. In der ökonomischen Definition der Arbeitslosigkeit ohne Arbeit und auf Arbeitssuche sind solche Leute nicht enthalten. Viele der obdachlosen Menschen, die die Amerikaner auf der Straße sehen, gelten nicht als arbeitslos.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie dieser suchen die Menschen in der Hoffnung auf politische Reformen nach starken Anführern. In den USA allerdings favorisiert Trump Maßnahmen, die kurzfristig die Wirtschaft stimulieren, aber langfristig einen enormen Preis haben. Steuererleichterungen für die Reichen beispielsweise können vorübergehend die Nachfrage erhöhen und damit auch die Produktion steigern. Langfristig aber werden diese Effekte durch die Haushaltsprobleme aufgrund der fehlenden Einnahmen zunichte gemacht.

Ähnlich ist es mit Trumps Forderung nach niedrigen oder gar negativen Zinsen. Zunächst wird dadurch die Nachfrage gefördert, da die Menschen weniger Anreize zum Sparen haben. Dauern die niedrigen Zinsen aber an, sorgen sich die Menschen, ob sie noch genug Geld für ihren Ruhestand haben. Das verleitet sie dazu, mehr zu sparen, und der Konsum bricht ein.

Und wenn einige Länder die Zinsen niedrig halten, wird das erste von ihnen, das die Zinsen erhöht, eine Währungsaufwertung erleiden, die zu einem Einbruch der Exporte führt. Deshalb bewegt sich niemand, und alle tappen gemeinsam in die Falle der niedrigen Zinsen. Dadurch, dass sich die USA früher solchen kurzfristigen Maßnahmen widersetzt haben, konnten sie weltweit eine Führungsrolle einnehmen. Wenn sie nun ihren Kurs aufgeben, ist das bedauerlich.

Und schließlich fördert Trump, indem er die Angst vor Migranten und Ausländern schürt, etwas, das der amerikanischen Gesellschaft grundlegend fremd ist: Wie die argentinischen Politiker in den 1930ern untergräbt er die Basis für den Erfolg seines Landes.

An einem Wendepunkt, wie wir ihn jetzt erleben, kann niemand sicher sein, welche Maßnahmen tatsächlich funktionieren. Aber es ist wichtig, offensichtliche Fehler zu vermeiden. Das Sicherheitsnetz besteht darin, Politiker mit „moralischer Intention“ zu wählen – die also das Bedürfnis haben, Gutes zu tun: die Mitgefühl für die Durchschnittsbürger haben; den Drang, denjenigen zu helfen, die dies am dringendsten benötigen; und Empathie für andere Menschen.

Leider scheint Trump nicht zu dieser Kategorie zu gehören, und so überrascht es nicht, dass sich weltweit kaum Politiker von Format mit ihm verbünden wollen. Folgen die USA weiterhin einer Politik, die das „Argentinien-Risiko“ des Landes erhöht, ist das eine Tragödie – und dies nicht nur für Amerika, sondern für die ganze Welt.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

https://prosyn.org/qZ8gXqBde;
  1. haass107_JUNG YEON-JEAFP via Getty Images_northkoreanuclearmissile Jung Yeon-Je/AFP via Getty Images

    The Coming Nuclear Crises

    Richard N. Haass

    We are entering a new and dangerous period in which nuclear competition or even use of nuclear weapons could again become the greatest threat to global stability. Less certain is whether today’s leaders are up to meeting this emerging challenge.

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