Friday, July 25, 2014
Exit from comment view mode. Click to hide this space
8

Die Bestie, die nicht verhungert

CAMBRIDGE – Die Welt wird gerade Zeuge, wie die USA um ihre finanzielle Zukunft kämpfen, und sie sieht, wie mit den Umrissen des Kampfes größere soziale und philosophische Gräben zu Tage treten, die sich wahrscheinlich in unterschiedlicher Form in den kommenden Jahrzehnten in der ganzen Welt manifestieren werden. Es ist viel darüber diskutiert worden, wie die Staatsausgaben gekürzt werden können, aber wenig Aufmerksamkeit wird der Frage geschenkt, wie die Staatsausgaben effizienter werden können. Und dennoch, ohne kreativere Ansätze hinsichtlich der staatlichen Leistungen werden die staatlichen Ausgaben mit der Zeit weiter steigen.

Jede dienstleistungsintensive Branche steht vor denselben Herausforderungen. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schrieben die Ökonomen William Baumol und William Bowen über die „Kostenkrankheit“, die diese Branchen befallen habe. Ihr berühmtes Beispiel war das eines Mozart-Streichquartetts, das heute wie im 19. Jahrhundert dieselbe Anzahl Musiker und Instrumente benötigt. Ein Lehrer benötigt auch immer noch ebensoviel Zeit wie vor 100 Jahren, um eine Arbeit zu benoten. Gute Klempner kosten ein Vermögen, weil auch hier die Technologie nur sehr langsam voranschreitet.

Warum entstehen aus langsamem Produktionswachstum hohe Kosten? Das Problem ist, dass die Dienstleistungsbranchen ihre Arbeitskräfte letztlich auf demselben nationalen Arbeitsmarkt rekrutieren müssen wie Sektoren mit schnellem Produktivitätswachstum, zum Beispiel Finanzen, Produktion und Informationstechnologie. Obwohl das Arbeitskräfteangebot vielleicht etwas segmentiert ist, gibt es genug Überschneidungen, so dass die dienstleistungsintensiven Branchen gezwungen werden, höhere Löhne zu zahlen, jedenfalls langfristig.

Die Regierung ist natürlich der dienstleistungsintensive Sektor per excellence. Zu den Beamten zählen Lehrer, Polizisten, Müllmänner und Soldaten.

Moderne Schulen gleichen Schulen von vor 50 Jahren stärker als moderne Produktionsstätten ihren Vorgängern ähneln. Und die Innovation im militärischen Bereich ist zwar spektakulär, der Sektor selbst allerdings noch immer sehr arbeitsintensiv. Wenn die Menschen bei staatlichen Leistungen dasselbe Niveau verlangen wie bei anderen Dingen, die sie konsumieren, werden die Staatsausgaben mit der Zeit einen immer größeren Teil des Sozialproduktes in Anspruch nehmen.

Tatsächlich sind nicht nur die Staatsausgaben als Teil des Einkommens gestiegen, sondern auch die Ausgaben in vielen Dienstleistungsbranchen. Heute beträgt der Anteil des Dienstleistungssektors, einschließlich des Staates, in den fortgeschrittenen Ökonomien mehr als 70 Prozent des Sozialproduktes.

Die Landwirtschaft, die im 18. Jahrhundert zu mehr als der Hälfte des Sozialproduktes beitrug, ist auf ein paar Prozent geschrumpft. Der Produktionssektor, der vor dem Zweiten Weltkrieg mehr als ein Drittel der Arbeitskräfte beschäftigte, ist dramatisch geschrumpft. In den USA zum Beispiel sind weniger als zehn Prozent der Arbeitskräfte im Produktionssektor beschäftigt. Also selbst, wenn konservative Ökonomen Ausgabenkürzungen verlangen, gibt es starke Kräfte, die in die andere Richtung drängen.

Zugegeben, das Problem ist im Staatssektor gravierender, wo das Produktivitätswachstum sogar noch langsamer ist als in den anderen Dienstleistungsbereichen. Diese Tatsache reflektiert zwar den besonderen Mix an Dienstleistungen, die Regierungen bereitstellen müssen, aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Teil des Problems ist sicherlich, dass für einen Staat Beschäftigung nicht nur dafür da ist, Dienstleistungen zu erbringen, sondern auch, um implizite Übertragungsleistungen zu erringen. Darüber hinaus operieren staatliche Behörden in vielen Bereichen, in welchen sie kaum Konkurrenz haben – und daher auch keinen Innovationsdruck.

Warum involviert man nicht den privaten Sektor mehr oder bringt zumindest etwas mehr Wettbewerb in die staatlichen Leistungen? Bildung, wo die Macht moderner zerstörerischer Technologien bisher kaum spürbar war, wäre ein guter Anfang. Ausgefeilte Computerprogramme werden immer besser bei der Bewertung von Schulaufsätzen der Mittelstufe, wenn sie auch nicht ganz so gut sind wie die besten Lehrer.

Infrastruktur ist ein anderer offensichtlicher Ort, wo man die Beteiligung des privaten Sektors fördern könnte. Es gab zum Beispiel einmal eine Zeit, als man glaubte, dass Fahrer auf Privatstraßen ständig in langen Schlangen stehen müssten, um Mautgebühren zu zahlen. Moderne Transponder und automatische Zahlsysteme haben das Problem allerdings gelöst.

Aber man sollte nicht davon ausgehen, dass ein Wandel hin zu mehr Dienstleistungen durch den Privatsektor ein Allheilmittel ist. Die Notwendigkeit einer Regulierung bliebe, besonders wenn es um Monopole oder Fast-Monopole geht. Und es müsste noch immer entschieden werden, wie Effizienz und Kapital in der Bereitstellung der Dienstleistungen auszugleichen wären. Bildung ist sicherlich ein Bereich, in welchem jedes Land ein starkes nationales Interesse hat, ein ebenes Spielfeld zu bereiten.

Als US-Präsident in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat die konservative Ikone Ronald Reagan seinen Ansatz hinsichtlich der Steuerpolitik so beschrieben: „Lasst die Bestie verhungern“: Steuerkürzungen würden die Menschen letztlich dazu zwingen, geringere Staatsausgaben zu akzeptieren. In vielerlei Hinsicht war sein Ansatz ein großer Erfolg. Aber die Staatsausgaben sind trotzdem weiter gewachsen, weil die Wähler immer noch die Dienstleistungen nachfragen, die der Staat bereit stellt. Heute ist klar, dass die Kürzung von Staatsausgaben auch bedeutet, dass man Methoden findet, durch Anreize die Innovation im Staatsapparat mit der Innovation in anderen Dienstleistungssektoren Schritt halten zu lassen.

Wenn es nicht gelingt, mehr Ideen zu entwickeln, wie die Bereitstellung von Regierungsdienstleistungen erneuert werden kann, können Kämpfe wie der, den wir heute sehen, schlimmer werden, da von den Wählern verlangt wird, dass sie für immer weniger Leistungen immer mehr zahlen müssen. Politiker können und werden versprechen, dass sie Fortschritte machen [?], aber sie können nur erfolgreich sein, wenn wir Wege finden, die Effizienz und Produktivität staatlicher Leistungen zu verbessern.

Aus dem Englischen von Eva Göllner-Breust

Exit from comment view mode. Click to hide this space
Hide Comments Hide Comments Read Comments (8)

Please login or register to post a comment

  1. CommentedOliver Kovacs

    Reading Prof. Rogoff's articles is always instructive.
    As the empiria showed, neither the fiscal stimuli nor the fiscal austerity could trigger growth impact, instead, fiscal conditions have just worsened further due to the decline in GDP. A some type of aurea mediocritas consolidation should be of paramount importance that addresses the issue of supporting R&D&I in a pro-cyclical way while counter-cyclically reduces expenditures in inproductive spheres (public sector wages, salaries, social transfers as Alesina and other works on non-keynesian effects justified).
    I would raise the issue of how to incentivise public sector to be more innovative in favouring the term "more for less". Innovation, as it was rightly pointed out by many, is hampered by a lot well-documented factor, however, the literature does not devote enough attention to the importance of inherent incentives of innovation that differ across institutional architectures. /see a policy brief on "Policies Supporting Innovation in Public Sector Provision" which tries to address this crucial gap /

  2. Commentedjack lasersohn

    While it is certainly true that 'voters want the services that government provides' it is equally true that most of them do not bear the cost of those services, which is shifted to a tiny fraction of the population through progressive taxation. As a result, and exactly as in the market for healthcare, the demand for essentially 'free' service increases without limit.
    Moreover, most government expenditures are transfer payments, which arguably have experienced nearly exponential productivity growth over the past 50 years as it takes virtually the same number of labor hours to process checks for $1 trillion as for $1 million.
    Also, as you point out, the growth in 'productivity' in Defense has also increased dramatically.
    The areas of government where productivity has remained stagnant, like education, are still relatively small and not really relevant to the problem of government growth.
    The real problem is in the growth of entitlements, where certain voters have learned that they can force others to pay for services they desire.
    That is the core problem of all democratic systems and has nothing to do with lack of productivity growth in government (although of course it would be less of a problem if we had faster productivity growth overall).
    There is no obvious solution to this problem, except that it will stop when it reaches some natural limit , as in parts of Europe.

  3. CommentedCharles Broming

    I agree with Prof. Rogoff's analysis at the highest level, viz., the service sector's problems with productivity, cost and, therefore, price. I agree as well that we need to change our conversations from exhortations to reduce government spending to conversations about how to deploy government funds more effectively. But, the issue needs to be framed appropriately and the news media needs to observe and report on it. There has been plenty discussion about government spending effectiveness over the decades, but the news media have ignored it. It's complicated, contentious, doesn't offer good sound bites and is, therefore, hard to cover and offers lower returns.

    The fundamental questions that need to be addressed (and probably never answered completely or finally) are, "What is the "right" size of government (at which level)?" and, "Which services do governments provide more effectively and efficiently than the private sector over the long run?"

    The second question can be answered; the tools are available. A credible and reasonable answer to the second question would be a product of an answer to the first question. To argue for reduced spending based on some prior faith in the priority of "limited government" puts the cart before the horse. In point of fact, those who argue for "limited government" have no opponents in America or Western Europe, and I doubt that even the most totalitarian dictators (kings, princes, etc.) believe that "unlimited government" is a possibility, much less an alternative.

  4. CommentedMichael Scheps

    Surprised that Professor Rogoff would be so wrong in his evaluation of Reagan's "starve the beast" philosophy. David Stockman, after leaving the OMB, wrote in his book "The Triumph of Politics: Why the Reagan Revolution Failed", that they failed to understand Congress would not curtail spending in the face of reduced revenue. That, and the Reagan policy of outspending the Soviet's on defense, were the 2 primary reasons that Reagan left office with a large national debt that was not addressed until President Clinton's administration.

      CommentedMichael Scheps

      Mr. Bromberg,

      Thank you for verifying my point. Professor Rogoff wrote- "In many ways, his approach was a great success". I believe that a historical evaluation proves exactly what you stated- "pragmatic aspects of politics, especially re-election and post-congressional employment opportunities, were more important to members of Congress than was Reagan's ideological crusade". Reagan's approach might have been admirable, if that is ones political philosophy, but in reality it didn't, and up to now, hasn't worked.


      CommentedCharles Broming

      Mr. Scheps,

      Prof. Rogoff's account of Reagan's philosophy is accurate. Stockman (in his book and his Fortune magazine article) simply pointed out that the pragmatic aspects of politics, especially re-election and post-congressional employment opportunities, were more important to members of Congress than was Reagan's ideological crusade. Thus, the real, "don't-tax-and-spend" Republicans emerged.

  5. CommentedProcyon Mukherjee

    Central Bank actions had become virtually fiscal in nature and now we have seen that monetary release did not find its way in goods and services, if at all it had it had increased stocks of unused houses, or inventory and piles of commodities from Aluminum to many other forms.

    Uncertainty channelized investments into unproductive ‘investment assets’, which are a parking lot for ‘certainty’ to return, the attractiveness of such assets like commodities, stocks or bonds runs against the unattractiveness of real economy ‘options’ that produce goods and services that get consumed to create jobs. This is now becoming a permanent feature. So we have already a stock waiting to be consumed and then we are venturing into further fiscal stances that would make a push for further debt escalation as there is no shortage of funds but shortage of viable channelizing options into goods and services that create jobs.

    Is the government a better bet for this arrangement to continue in form of government spending that is financed by cheap debt again? Let us take stock of what has already been spent in the last three years and how many net jobs it actually created on a permanent basis.

    Procyon Mukherjee

  6. Portrait of Pingfan Hong

    CommentedPingfan Hong

    "If people want the same level of government services relative to other things that they consume, government spending will take up a larger and larger share of national output over time.": this is not true. Because people want an increasing level of public services relative to other things that they consume, government spending increases its share in the economy over time. Public healthcare is a good example.

  7. CommentedTim Chambers

    Privatization of government services is not the solution. What you advocate is rent extraction from services that are done well enough by government employees. There are far too many examples of companies handling this kind of work that waste enormous sums to raise profits on cost plus ten percent contracts.

    As for improving teacher productivity, it isn't going to happen. Computer programs might be good at finding spelling and grammar errors, but they can't tell a student how to do a better job of researching or elucidating his topic. That is something only a human can do.

    The real problem that we have is that by de-emphasizing manufacturing, we have off-shored the growth of wealth creation that supports the service sector, which simply moves existing wealth around. That wealth, in all too many cases, is not being returned to this country because the companies that create it refuse to pay taxes on it.

    Too many of the "wealth creators" demand a free lunch, and far too many of their current and former employees are being subsidized by the government because their economic circumstances have been so drastically reduced via free-trade agreements with third world countries.

    Neo-liberalism is the problem, not the solution.

  8. CommentedVictor Stern

    I disagree with the diagnosis. Education is not breaking the fisc. Its medical services, where increases in productivity increase demand to no natural boundary. We would all chose to live forever together, if we could.

    Also disagree with application of the "cost desease" concept. A significant portion of growth in the share of services in the economy may be due simply to monetization of services previously rendered within households and communities without exchange of money.

Featured