Friday, April 18, 2014
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Amerikas widersprüchliche Zukunftsaussichten

Vor kurzem brachte ich etwas Interessantes in Erfahrung: In Amerika haben international orientierte Finanzökonomen und an nationalen Gegebenheiten orientierte Makroökonomen sehr unterschiedliche –nachgerade widersprüchliche – Ansichten über die wahrscheinlichen Folgen des gewaltigen amerikanischen Leistungsbilanzdefizits. Die international orientierten Finanzökonomen halten eine Finanzkrise, gefolgt von einer schmerzvollen und womöglich anhaltenden Rezession  in den USA für wahrscheinlich. Im Gegensatz dazu sehen die national orientierten Makroökonomen einen zu erwartenden Kursverlust des Dollar nicht als Krise, sondern als Chance, das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen.

Den Makroökonomen präsentiert sich die Situation ungefähr so: Irgendwann in Zukunft werden ausländische Zentralbanken nicht mehr wie bisher bereit sein, massenhaft Dollar-Wertpapiere zu kaufen, um damit die amerikanische Währung zu stützen. Wenn sie ihre umfangreichen Dollarkäufe einstellen, wird der Wert des Dollars fallen – und die Landung wird hart.

Mit dem Wertverlust des Dollars allerdings, so die Makroökonomen, werden US-Exporte für andere Länder attraktiver und die Beschäftigungslage in Amerika wird sich verbessern, da vermehrt Arbeitskräfte in den aufstrebenden Exportsektor wandern. Die Entwicklung wäre ähnlich wie in Großbritannien, als man die Währungsbindung aufgab und das britische Pfund gegenüber der Deutschen Mark  abgewertet wurde oder wie in den USA der späten 1980er Jahre, als der Dollar gegenüber dem Pfund, der Deutschen Mark und – vor allem – gegen den japanischen Yen abgewertet wurde. 

Die international orientierten Finanzökonomen sehen die Zukunft um einiges düsterer. In ihren Augen wird das Ende der Dollarkäufe durch die Zentralbanken nicht nur zu einer Abwertung des Dollars führen, sondern auch zu einem Höchststand bei den langfristigen Zinssätzen in den USA, wodurch sich unmittelbar die Konsumausgaben und kurze Zeit später auch die Investitionsausgaben verringern werden.

Natürlich erwarten auch die Finanzökonomen, dass die US-Exporte von einem Kursverlust des Dollars profitieren, aber durch die Verzögerungen bei der Nachfrage wird der Exportanstieg ein oder zwei Jahre nach dem Rückgang bei den Konsum- und Investitionsausgaben eintreten. Die Arbeitsplätze von acht bis zehn Millionen Menschen werden sich vom Dienstleistungssektor in den Export und den importkonkurrierenden Bereich verlagern, wodurch mit einem Anstieg der strukturellen Arbeitslosigkeit zu rechnen ist. 

Überdies könnte es zu einer Finanzpanik kommen: Für große Finanzinstitutionen mit ihren kurzfristigen Verbindlichkeiten und langfristigen Vermögenswerten wird es schwierig, einen steilen Anstieg der langfristigen Dollar-Zinssätze zu verkraften. Dieses Missverhältnis kann ebenso leicht zu finanziellem Druck und zum Bankrott führen wie damals während der Krisen in Mexiko und Ostasien in den 1990er Jahren und vor ein paar Jahren in Argentinien, als das Ungleichgewicht zwischen den in lokalen Währungen gehaltenen Anlagen der Banken und  deren Dollar-Verbindlichkeiten zu finanziellen Überlastungen und letztlich zum Bankrott führten.

Wenn international orientierte Finanzökonomen dieses Szenario entwerfen, erwidern die Makroökonomen, all das klinge nach einem Fall von unfähiger Geldpolitik. Warum sollte die amerikanische Notenbank Federal Reserve langfristige Spitzenzinssätze zulassen, nur weil andere Zentralbanken keine Dollarkäufe mehr durchführen? Sollte die Fed nicht einfach einschreiten und stattdessen selbst langfristige US-Staatsanleihen kaufen und damit zu einem langfristigen Zinssatz in einer Höhe beitragen, der mit Vollbeschäftigung vereinbar ist?

Darauf reagieren die Finanzökonomen mit dem Hinweis, dass die Fed dazu nicht die Kraft hätte. Wenn sie die Wahl zwischen Vollbeschäftigung und Preisstabilität hat, dann, so die Finanzökonomen, wird sich die Fed für Preisstabilität entscheiden, da die Erinnerungen an die zügellose Inflation in den 1970er Jahren noch immer sehr präsent sind. Da ein Kursverlust des Dollars zu einem Anstieg der Importpreise führt und daher einen negativen Schock für die Angebotsseite der Wirtschaft darstellt, wird die Fed die Zinssätze erhöhen müssen und nicht senken und auch Anleihen nicht kaufen, sondern verkaufen.  

Auf beiden Seiten dieser Debatte engagieren sich mit großem Nachdruck seriöse Ökonomen, die ich außerordentlich schätze. Ich bin nicht klug genug, um zu entscheiden, welche Seite im Recht ist, aber ich weiß ganz genau, von welcher Seite ich hoffe, dass sie im Unrecht ist.

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