Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Die Finanzparty könnte weiterziehen

LONDON: Es gab einmal eine Zeit, in der Ranglisten nur auf den Sportseiten der Zeitungen zu finden waren. Inzwischen sind sie eine globale Manie.

Es gibt Ranglisten über Schulen und Universitäten, über die Rentabilität oder das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen, über die Zufriedenheit der Menschen in unterschiedlichen Ländern und solche, die Verbrauchermarken nach ihrem Wert einzuordnen suchen. Es gibt sogar eine Rangliste der lustigsten Witze der Welt (viel gelacht habe ich nicht).

Auch die Finanzwelt ist voll von derartigen Ranglisten. Investmentbanker warten mit angehaltenem Atem darauf, dass die Ranglisten für Fusionen und Übernahmen herauskommen, obwohl die Verbindung zwischen einem hohen Listenplatz und der Unternehmensrentabilität irgendwo zwischen locker und nicht existent anzusiedeln ist. Eine ganze Weile schon gibt es Ranglisten über Banken; derzeit beruhen diese eher auf der Kapitalstärke als auf dem Anlagevolumen, was eine gewisse Verbesserung darstellt, aber noch immer nicht allzu aussagekräftig ist.

Zudem gibt es inzwischen eine Reihe von – beträchtliche Ängsten hervorrufenden – Ranglisten, die Finanzplätze primär auf der Basis von Unternehmensbefragungen klassifizieren. In London und in geringerem Ausmaß in New York (manche Amerikaner neigen dazu, zu glauben, die Welt werde ihnen die Tür einrennen, egal, wie schlecht man dort aufgenommen wird!) stellt man sich zunehmend die Frage, wie schwer die Finanzkrise Ruf und Performance der großen Finanzzentren des Westens in Mitleidenschaft gezogen hat.

Bisher bieten die neusten Ranglisten den Etablierten keinen besonderen Grund zur Besorgnis. Laut einer von der City Corporation in London erstellten Liste liefern sich New York und London noch immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den ersten Platz. Eine weitere, von der Zeitschrift The Banker herausgegebene Liste sieht New York an der Spitze und London dicht dahinter – obwohl der Abstand zwischen diesen beiden und ihren Verfolgern schrumpft. Die Werte, die London und New York bei der Qualität und Intensivität der Regulierung und bei der Steuerlast erhalten, sind gefallen. In beiden Bereichen scheinen die Unternehmen, was die Zukunft angeht, nervös zu sein. 

Die auffallendste Veränderung in den Ranglisten betrifft den Aufstieg der wichtigen asiatischen Finanzzentren – nicht nur Hongkong und Singapur, sondern auch Schanghai, Peking und Shenzhen. China hat seine Finanzplätze deutlich gefördert, und langsam zeichnen sich hier Ergebnisse ab. Laut dem Index für Finanzentwicklung des Weltwirtschaftsforums – noch eine Rangliste, die man in Betracht ziehen muss – haben Hongkong und Singapur tatsächlich sehr dicht zu London aufgeschlossen; damit liegt China jetzt, was seinen finanziellen Entwicklungsstand angeht, vor Italien. Reisnudeln schlagen Spaghetti!

Manches hiervon kann nicht überraschen. Mit Verlagerung des weltwirtschaftlichen Schwerpunkts nach Osten wird sich das Gleichgewicht bei den Finanzaktivitäten zwangsläufig ebenfalls ostwärts verschieben. Und wenn man davon ausgeht, dass es klug ist, sich dem Unvermeidlichen anzupassen, dürfte die angemessene Reaktion in London und New York darin bestehen, Wege zur Zusammenarbeit mit diesen neuen Zentren zu finden.

Die wichtigere Frage für die traditionellen Finanzzentren ist freilich, ob sich jene internationalen Aktivitäten, die sich verlagern können, tatsächlich verlagern. Dies ist deutlich schwerer zu beurteilen. Es gibt Anekdoten, wonach einzelne Hedgefonds-Manager nach Genf abwandern. Immer, wenn eine Regierung oder Aufsichtsbehörde irgendwelche neuen Kontrollmechanismen ankündigt, gibt es Drohungen der Banker, sie würden den Laden dichtmachen und samt ihren Porsches und Mätressen woanders hingehen.

Diese Drohungen, früher politisch sehr wirksam, sind heute deutlich weniger effektiv. Schnelle Reaktion einiger Politiker und Kommentatoren war zuletzt: „Bitte eher früher als später.“ Selbst die Bank von England hat die Frage gestellt, ob es sich angesichts der Kosten für die Beseitigung des durch die jüngste Krise verursachten Chaos lohne, den Gastgeber für einen globalen Finanzmarkt zu spielen.

Dies ist eine riskante Spekulation. Egal, wie schlecht sich die Banker benommen haben – und einige verdienen klar ein Jahrzehnt oder mehr auf der Strafbank –, Finanzdienstleistungen sind ein zentrales Element der Londoner Wirtschaft. Wer wird bei einem Niedergang des Finanzsektors diesen als Arbeitgeber ersetzen?

Leichtfertige Reden darüber, dass Naturwissenschaften und produzierendes Gewerbe Leitern aus der Rezession heraus bilden könnten (ein bevorzugtes Bild des früheren britischen Premiers Gordon Brown) sind schlicht leeres Gerede. Es gibt praktisch keine Beispiele dafür, dass kostenintensive postindustrielle Gesellschaften ihre produzierende Industrie wiederbeleben konnten, nachdem diese erst einmal zerfallen war.

London insbesondere hat kein unveräußerliches Recht darauf, ein globales Finanzzentrum zu sein. Der britische Binnenmarkt ist schließlich erheblich kleiner als der der USA.

Tatsächlich haben sich die Finanzplätze im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verlagert. Wäre ein etablierter Standort zwangsläufig von Dauer, läge die Zentrale von Goldman Sachs heute in Babylon. Es muss also einen Kipppunkt geben, an dem eine Verbindung von höheren Steuern, stärkeren Regulierungsbelastungen und einem feindseligen Klima Finanzunternehmen veranlasst, ihren Sitz zu verlagern. 

Es besteht die Gefahr, dass Großbritannien sich diesem Punkt nähert. Dies ist der Grund, warum die Financial Services Authority (die britische Finanzaufsicht) und sogar die Confederation of British Industry (die Vereinigung der britischen Arbeitgeberverbände) – sie vertritt überwiegend Nichtfinanzunternehmen, die sich Sorgen über die Kreditverfügbarkeit machen – sich zunehmend für einen Waffenstillstand zwischen Behörden und Finanzmärkten aussprechen.

Die nächsten zwei oder drei Monate werden zeigen, ob es zu einem Friedensschluss kommt und, falls ja, ob dieser Bestand hat. Wie immer bei Friedensverhandlungen werden auch hier beide Seiten Kompromissbereitschaft zeigen müssen.

Die Unternehmen werden bei der diesjährigen Bonusrunde sichtbare Zurückhaltung üben müssen. Eine weitere Party hier wird die britische Regierung nicht tolerieren. Und die Regierungen auf beiden Seiten des Atlantiks werden entscheiden müssen, wie weit sie mit ihrer Bestrafung der Banken gehen wollen. Fortgesetzte Drohungen mit immer höheren Steuern könnten sich als gefährlich kontraproduktiv erweisen. Wenn wir nicht rasch einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen dem Staat und seinen Märkten schließen, könnten diese Märkte tatsächlich woanders hingehen.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.