Thursday, October 23, 2014
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Die Kehrseite der leichten Erholung

RIO DE JANEIRO: Seit Ende letzten Jahres hat eine Reihe positiver Entwicklungen das Anlegervertrauen gestärkt und zu einer steilen Erholung bei den riskanten Anlagewerten geführt, wobei globale Aktien und Rohstoffwerte den Anfang machten. Die gesamtwirtschaftlichen Daten aus den USA haben sich verbessert, die Blue-Chip-Unternehmen in den hochentwickelten Ländern sind weiter hochprofitabel, in China und den Schwellenmärkten war lediglich eine moderate Abschwächung zu verzeichnen, und das Risiko eines ungeordneten Zahlungsausfalls einiger Euroländer und/oder ihres Ausstiegs aus der Eurozone hat sich verringert.

Zudem scheint die Europäische Zentralbank unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi bereit, zu tun, was immer nötig ist, um den auf dem Bankensystem und den Regierungen der Eurozone lastenden Druck zu verringern und die Zinsen zu senken. Die Notenbanken sowohl in den hochentwickelten Ländern als auch in den Schwellenvolkswirtschaften haben für massive Liquiditätsspritzen gesorgt. Die Volatilität ist gefallen, das Vertrauen gestiegen, und die Risikoaversion hat deutlich abgenommen – fürs Erste.

Doch dürften sich in diesem Jahr zumindest vier Risiken verwirklichen, die das weltweite Wachstum schwächen und das Verbrauchervertrauen und die Marktbewertungen riskanter Anlagen letztlich negativ beeinflussen werden.

Erstens steckt die Eurozone in einer tiefen Rezession, vor allem an der Peripherie, aber inzwischen auch in den Kernländern; jüngste Daten zeigen einen Produktionsrückgang in Deutschland und Frankreich. Die Kreditverknappung im Bankensystem nimmt an Schwere zu, da sich die Banken entschulden, indem sie Vermögenswerte verkaufen und ihre Kreditvergabe einschränken, und verschärft so den Abschwung.

Zugleich ist es nicht allein die Sparpolitik, die die Euroländer an der Peripherie wirtschaftlich in den freien Fall versetzt. Vielmehr wird sich der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit dort fortsetzen, weil die schwindende Aussicht auf ungeordnete Zahlungsausfälle den Wert des Euro in die Höhe treibt. Um in diesen Ländern Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum wiederherzustellen, muss der Euro in Richtung Dollarparität fallen. Und die derzeit schwindende Gefahr eines ungeordneten Zusammenbruchs Griechenlands wird im weiteren Jahresverlauf wieder zunehmen, wenn politische Instabilität, Bürgerunruhen und weitere Sparmaßnahmen die griechische Rezession in eine Depression verwandeln.

Zweitens gibt es jetzt Anzeichen für eine Abschwächung der Entwicklung in China und im übrigen Asien. In China ist der Abschwung inzwischen nicht mehr zu übersehen. Das Exportwachstum ist deutlich zurückgegangen und geht gegenüber den Peripherieländern der Eurozone inzwischen ins Negative. Das Importwachstum – ein Hinweis auf die künftige Exportentwicklung – ist ebenfalls gesunken.

In ähnlicher Weise nimmt in China die Aktivität im Bereich der Wohnungs-, Anlage- und Gewerbeimmobilien deutlich ab, und die Eigenheimpreise beginnen zu fallen. Auch die Investitionen in die Infrastruktur sind zurückgegangen; viele Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn-Projekte wurden auf Eis gelegt, und Kommunen und Zweckgesellschaften tun sich angesichts eines zunehmend angespannten Kreditumfeldes und geringerer Einnahmen aus Grundstücksverkäufen schwer, eine Finanzierung zu erhalten.

Anderswo in Asien sieht es nicht viel besser aus: Die Volkswirtschaft von Singapur ist Ende 2011 zum zweiten Mal innerhalb von drei Quartalen geschrumpft. Die indische Regierung prognostiziert für 2012 ein jährliches BIP-Wachstum von 6,9%; das wäre der niedrigste Wert seit 2009. Die taiwanesische Volkswirtschaft ist im vierten Quartal 2011 in eine technische Rezession gerutscht. Die südkoreanische Volkswirtschaft wuchs im selben Zeitraum um lediglich 0,4% – so langsam wie seit zwei Jahren nicht mehr –, während das japanische BIP um 2,3% und damit starker als erwartet geschrumpft ist, da die Stärke des Yen auf den Export drückt.

Drittens sind die US-Daten zwar erstaunlich ermutigend, doch scheint Amerikas Wachstumsdynamik nun ihren Höhepunkt zu erreichen. Die restriktive Fiskalpolitik wird sich 2012 und 2013 noch verschärfen und – wie das Auslaufen der Steuererleichterungen, die 2011 die Investitionsausgaben ankurbelten – zum Abschwung beitragen. Zudem wird sich der private Konsum angesichts der anhaltenden Malaise auf den Kredit- und Wohnungsmärkten weiter in Grenzen halten; tatsächlich spiegeln zwei Prozentpunkte des 2,8%igen Anstiegs im letzten Quartal 2011 steigende Lagerbestände und nicht Endverkäufe wider. Und was die Außennachfrage angeht, so wird der allgemein starke Dollar zusammen mit der weltweiten Konjunkturabkühlung und insbesondere der in der Eurozone die US-Exporte schwächen, während die nach wie vor hohen Ölpreise die Kosten für Energieeinfuhren in die Höhe treiben und damit das Wachstum weiter drosseln.

Viertens schließlich steigen aufgrund der Möglichkeit einer militärischen Antwort Israels auf die iranischen Nuklearambitionen die geopolitischen Risiken im Nahen Osten. Während das Risiko eines bewaffneten Konflikts weiter gering bleibt, eskalieren derzeit sowohl der verbale Konflikt als auch der heimliche Krieg, den Israel und die USA gegen den Iran führen; und nun schlägt der Iran zurück mit Terroranschlägen gegen israelische Diplomaten. Die Islamische Republik, die angesichts schmerzhafter Sanktionen mit dem Rücken zur Wand steht, könnte auch reagieren, indem sie ein paar Schiffe versenkt, um die Straße von Hormus zu blockieren, oder indem sie die ihnen nahe stehenden Kräfte in der Region – die proiranischen Schiiten im Irak, in Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien sowie die Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gazastreifen – von der Leine lässt.

Zudem gibt es im Nahen Osten breiter angelegte geopolitische Spannungen, die nicht abnehmen werden – und die sich verschärfen könnten. Der Arabische Frühling hat in Tunesien, wo er begann, zu relativ günstigen Ergebnissen geführt, aber die Entwicklungen in Ägypten, Libyen und im Jemen bleiben deutlich unsicherer, während Syrien am Rande eines Bürgerkrieges steht. Darüber hinaus bestehen erhebliche Bedenken in Bezug auf die politische Stabilität in Bahrain und der ölreichen östlichen Provinz Saudi-Arabiens, und potentiell sogar in Kuwait und Jordanien – alles Gebieten mit beträchtlichen schiitischen oder sonstigen ruhelosen Bevölkerungsgruppen.

Jenseits der vom Arabischen Frühling betroffenen Länder lassen die wachsenden Spannungen zwischen Schiiten, Kurden und Sunniten im Irak seit dem US-Abzug für die Ölproduktion nichts Gutes erwarten. Und dann sind da noch der anhaltende Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sowie die angespannten Beziehungen zwischen Israel und der Türkei.

Anders ausgedrückt, es gibt eine Menge Dinge, die im Nahen Osten schief gehen könnten. Und ein Zusammenwirken mehrerer davon könnte an den Märkten Angst auslösen und zu deutlich höheren Ölpreisen führen. Trotz schwachen Wirtschaftswachstums in den hochentwickelten Volkswirtschaften und des Konjunkturabschwungs in vielen Schwellenmärkten steht der Ölpreis schon jetzt bei etwa 100 Dollar pro Barrel. Aber der Angstaufschlag könnte ihn noch deutlich weiter in die Höhe treiben, mit vorhersehbar negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Angesichts derart vieler Risiken an so vielen Stellen werden die Anleger, was kaum überraschen dürfte, letzten Endes auf Liquidität setzen und, wenn sich diese Tailrisiken verwirklichen, die riskanteren Sachanlagen wieder fallen lassen. Dies ist nur ein weiterer Grund, anzunehmen, dass die Weltwirtschaft von einer ausgewogenen, nachhaltigen Erholung noch weit entfernt ist.

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  1. CommentedJonathan Lam

    Gamesmsith94134: Free-Trade Blinders
    Njweatherdon,

    “The experiment is based on somewhat of a false premise, because it speaks to an American audience where the lower class is currently the one facing the most challenges from free trade.”

    Since I do not have the figures to knick around, and I would explain Dani Rodrik’s experiment for its natural scientific reasoning like ones I wrote above my paradigm on the wealth circuitry in economical and social growth that supports and balances both accumulated wealth and consumable wealth; and it created a “Z” shaped financial development running both on the diminishing demand and diminishing return; which is based on the assumption, the route above the standard of living equal in length with the one below the standard of living is in agreement of its living standard to sustain a viable growth; and Societal changes due to the democracy on globalization. In assimilation, the shift of wealth circuitry make the redistribution of wealth from the developed nations, like US, EU, to the emerging market nations like China, India or Brazil. It would show how the wealth circuitry globally settling the living standard inequality to balance itself through the diminishing return as in welfare states or communistic position, and the diminishing demand as in capitalistic position when each maximized it top or bottom setting to its extreme. Since the ladder of growth with those defined the value and price expanded and extended its living standards in either ways, it develops a newer term of demand or supply to shift the advancement of living standard after inflation or deflation.

    Perhaps, it is observable that American turned welfare state that its economy turn anemic with some 1% loaded with wealth and 99% struggle to strive above the living standard that held itself to a diminishing demand. In reverse, the diminishing return states like communistic China benefits its labors after the globalization; their living standard rose after 20% increased salary and so is the demands of goods internally and externally. Now, Asian purchased 50% of the luxury good EU produced. Then, it is how the Capitalist turns communist, and communist turns capitalist; as much of the inequality of the living standard of the two combined to merge, the expansion of the global economy may reverse itself that a cycle of accumulated wealth circuitry is completed and the standard of living is moving with the strength of the frequency of the flow of wealth that is kept in it wealth accumulated circuitry in a long run. Perhaps, it is not “The question of who wins and who loses is always important, but it's not always the educated and wealthy who win in free trade and it's not always the poor who lose in free trade. All those manufacturing jobs going overseas?” as you said when these inequality living standard make the world goes around with globalization and free trade.

    In conclusion, there are deficiencies of both capitalism and communism in handling the accumulated wealth because of the agency and structure in societal developments due to a fact of the productivity model that each bounded to a death end for either a diminishing return or diminishing demand. We may always laugh at the communists for it insufficient supply; but if we understand better of our recession to depression for its lack of demand too. It is not the dogma that kept its economy stood still, but the accumulated wealth makes the world goes around.

    Perhaps, democracy and free trade is the motion of the cash flows in politics for its populace and they do affect nations of wealth globally. To-day, topsy-turvy is the diminishing return and diminishing demand are marginally reversing themselves when the all living standard merging themselves in creating the globalization and democracy setting in motion to make fee trade in balancing the outcome. When I ask why should US dominate the higher profitable in trading the high tech if it aborts its blue collars workers, or did it turn itself into welfare state by giving the rich ones another break? If US is not attempt to make its appropriate living standard for its people in lesser welfare state, the globalization and democracy will downgrade its status as developed nation to underdeveloped whether it will sustain its free trade environment or not. God bless America.

    “But democracies owe themselves a proper debate, so that they make such choices consciously and deliberately. Fetishizing globalization simply because it expands the economic pie is the surest way to delegitimize it in the long run.” Said Dani Rodrik.

    And, may the Buddha bless you too?

  2. CommentedJonathan Lam

    Gamesmith94134: Dr. Doom Warns Wall Street and Washington---- Heed Karl Marx's Warning!
    Mr. Gert van Vugt,

    You make the best description on the theory on the economical growth Paradigm that the economic change seems like Malthusian’s diminishing return, and I agree. However, Mr. Roubini makes his point on the social disruption reverse itself through the diminishing demand. If we can put away the elements like the Ponzi scheme and benefactors in social caused deficiency or defects to growth. Corruption by capitalism and the dependency by socialism among societies both caused failure in the economical and societal development.

    Perhaps, we focus on the circuitry on the accumulation of wealth and consumable wealth that runs the economy. It seems both the capitalism and socialism ran short and proven wrong in the economical model or social model that became self-destructive; eventually, the economy runs from diminishing demand to diminishing return, or vice versa. So, if we use the living standard as the equilibrium position to the supply line of the circuitry of wealth balanced by both of the diminishing return and diminishing demand.

    How about I call my paradigm on the wealth circuitry in economical and social growth that supports and balances both accumulated wealth and consumable wealth; and it created a “Z” shaped development running both on the diminishing demand and diminishing return; which is based on the assumption, the route above the standard of living equal in length with the one below the standard of living is in agreement of its living standard to sustain a viable growth, which contains;

    • The base line as the diminishing return where the societies kept peace with its populace that consumable wealth that cause economical displacement like with its negative growth or no growth; it provides entitlement or social programs with non-productive individual citizens for example, 27% of its population on welfare with add-on with subsidies to sustain a standard of living.

    • The top line as the diminishing demand that ended with accumulated wealth favors of concentrated wealth owned by individuals that ended with profitless, 1% holds 27% of the global or national wealth, plus those with extra wealth is not in production yields to no growth.

    • And the diagonal line that connected to both ends is the support of the price and value in the middle is the standard of living which contains the most of the productive individuals who is moving up and down the ladder of growth.

    If more of the wealth accumulated than the wealth consumed, then it causes saturation of the wealth. The diminishing demand under the standard of living agreement made the demand idle because of the shortage of consumption. In the process, the standard of living will go down to meet its demand after the deflationary measure to make it consumable. In reverse, the wealth consumed is over the wealth accumulated, as it is less profitable. Then, it triggers the inflationary measures to aggregate demand to accumulate more wealth in its diminishing return mode; eventually it will balance itself again with the agreement of the standard living with a viable growth.

    It is not the supply and demand. It is rather the circuitry of wealth under the spells of the lower living standard that diminishing demand is being part of the deflationary measure. If the accumulated wealth became saturated, then it means the lower living standard that made the demand finite like lesser demand in loan of dollars in ECB.
    I am certain I am not being introspective; I may twist the theory a little; but the proof of the lower living standard in Europe made it plausible.

    May the Buddha bless you?

  3. CommentedLuis A. Guerra

    I am not so sure about the growth anymore and further, I have become sceptic about any official data. In turn people like Mr. Biderman here make sense. http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=_lsEAsETdoo

  4. CommentedPaul A. Myers

    Roubini has provided an excellent tour de horizon of the many risks facing the world economy. Against this we should state a contrary case to understand the investment potential available to investors. Above all world markets increasingly prize stability. If the world economy has reasonable stability over the next couple of years, investment returns could imaginably be above trend.

    First, problems in the Middle East. There are many but it is quite possible that since there are so many problems crowded into this space that there is a self-canceling dimension to this mare's nest of problems. If there is an oil price spike, buy on the correction? If oil goes up gradually, it moves the world economy towards more efficiency, probably a better thing. Vindicates everyone's alternative energy strategies. Last point for this region, except for the export of oil, the economies of these countries are of almost no statistical significance to the world economy (which is what a lot of the anger is all about).

    Europe is muddling, but one suspects as the year goes on there will be some real action on putting some money into the periphery to get growth going again. The austerity arguments, like a long staying mother-in-law, are wearing out their welcome (and politicians are going to start losing elections because of this; so where reason fails, elections will start to tell).

    The US economy is very strongly grounded in private sector job creation. So like the the tortoise, it may be slow but it will be quite sure at delivering real results. Housing will be a bluebird to the upside--eventually! Obama's reelection is looking like a dead certainty--and this man radiates stability, the tonic needed.

    China and Asia? A valuation problem, I think. Just how large and significant are the nonperforming loans and unproductive investments? No idea. But a 40 percent savings rate buries a lot of mistakes. If the worldwide emerging market countries are going to carry a bigger load for making prosperity happen, then possibly those economies are going to have to gear down and put more horsepower into each percentage point of real growth. So as an investor, are we overpaying today to get into these investments or are we paying a fair price? Don't know. Time to dollar-average-in over the next 24 months, methinks.

    How about those seas of liquidity? Yes, a real problem if eventually the money stays on the table and inflation rises. In that case I think the place to be is as the owner of a worldwide portfolio of productive assets, not a holder of depreciating short-term obligations.

    The productive economies almost everywhere are going to be more powerful than the paper-based governments.

  5. CommentedLuke Ho-Hyung Lee

    I have different views and analysis on the global economy.

    Geometrically progressive market changes have already been made by the rapid growth of synergy software applications over the last 20 to 30 years. Yet, the market results made through the market paradigm (or process) that comprised existing functional market systems could only have produced arithmetical changes.

    As market changes could only be satisfied through the existing functional market paradigm, “a structural gap” has existed in the market. As I show in detail elsewhere [ http://savingtheworldeconomy.blogspot.com/ ], this is the real cause of the economic and social malaise which currently afflicts us.

    I believe the only viable remedy for this structural gap will be by intentionally inducing synergistic (or geometrically progressive) market results in the market paradigm (or process).

    Until then, there will be no balanced and sustainable recovery.

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