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Die Kehrseite der leichten Erholung

RIO DE JANEIRO: Seit Ende letzten Jahres hat eine Reihe positiver Entwicklungen das Anlegervertrauen gestärkt und zu einer steilen Erholung bei den riskanten Anlagewerten geführt, wobei globale Aktien und Rohstoffwerte den Anfang machten. Die gesamtwirtschaftlichen Daten aus den USA haben sich verbessert, die Blue-Chip-Unternehmen in den hochentwickelten Ländern sind weiter hochprofitabel, in China und den Schwellenmärkten war lediglich eine moderate Abschwächung zu verzeichnen, und das Risiko eines ungeordneten Zahlungsausfalls einiger Euroländer und/oder ihres Ausstiegs aus der Eurozone hat sich verringert.

Zudem scheint die Europäische Zentralbank unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi bereit, zu tun, was immer nötig ist, um den auf dem Bankensystem und den Regierungen der Eurozone lastenden Druck zu verringern und die Zinsen zu senken. Die Notenbanken sowohl in den hochentwickelten Ländern als auch in den Schwellenvolkswirtschaften haben für massive Liquiditätsspritzen gesorgt. Die Volatilität ist gefallen, das Vertrauen gestiegen, und die Risikoaversion hat deutlich abgenommen – fürs Erste.

Doch dürften sich in diesem Jahr zumindest vier Risiken verwirklichen, die das weltweite Wachstum schwächen und das Verbrauchervertrauen und die Marktbewertungen riskanter Anlagen letztlich negativ beeinflussen werden.

Erstens steckt die Eurozone in einer tiefen Rezession, vor allem an der Peripherie, aber inzwischen auch in den Kernländern; jüngste Daten zeigen einen Produktionsrückgang in Deutschland und Frankreich. Die Kreditverknappung im Bankensystem nimmt an Schwere zu, da sich die Banken entschulden, indem sie Vermögenswerte verkaufen und ihre Kreditvergabe einschränken, und verschärft so den Abschwung.

Zugleich ist es nicht allein die Sparpolitik, die die Euroländer an der Peripherie wirtschaftlich in den freien Fall versetzt. Vielmehr wird sich der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit dort fortsetzen, weil die schwindende Aussicht auf ungeordnete Zahlungsausfälle den Wert des Euro in die Höhe treibt. Um in diesen Ländern Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum wiederherzustellen, muss der Euro in Richtung Dollarparität fallen. Und die derzeit schwindende Gefahr eines ungeordneten Zusammenbruchs Griechenlands wird im weiteren Jahresverlauf wieder zunehmen, wenn politische Instabilität, Bürgerunruhen und weitere Sparmaßnahmen die griechische Rezession in eine Depression verwandeln.

Zweitens gibt es jetzt Anzeichen für eine Abschwächung der Entwicklung in China und im übrigen Asien. In China ist der Abschwung inzwischen nicht mehr zu übersehen. Das Exportwachstum ist deutlich zurückgegangen und geht gegenüber den Peripherieländern der Eurozone inzwischen ins Negative. Das Importwachstum – ein Hinweis auf die künftige Exportentwicklung – ist ebenfalls gesunken.

In ähnlicher Weise nimmt in China die Aktivität im Bereich der Wohnungs-, Anlage- und Gewerbeimmobilien deutlich ab, und die Eigenheimpreise beginnen zu fallen. Auch die Investitionen in die Infrastruktur sind zurückgegangen; viele Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn-Projekte wurden auf Eis gelegt, und Kommunen und Zweckgesellschaften tun sich angesichts eines zunehmend angespannten Kreditumfeldes und geringerer Einnahmen aus Grundstücksverkäufen schwer, eine Finanzierung zu erhalten.

Anderswo in Asien sieht es nicht viel besser aus: Die Volkswirtschaft von Singapur ist Ende 2011 zum zweiten Mal innerhalb von drei Quartalen geschrumpft. Die indische Regierung prognostiziert für 2012 ein jährliches BIP-Wachstum von 6,9%; das wäre der niedrigste Wert seit 2009. Die taiwanesische Volkswirtschaft ist im vierten Quartal 2011 in eine technische Rezession gerutscht. Die südkoreanische Volkswirtschaft wuchs im selben Zeitraum um lediglich 0,4% – so langsam wie seit zwei Jahren nicht mehr –, während das japanische BIP um 2,3% und damit starker als erwartet geschrumpft ist, da die Stärke des Yen auf den Export drückt.

Drittens sind die US-Daten zwar erstaunlich ermutigend, doch scheint Amerikas Wachstumsdynamik nun ihren Höhepunkt zu erreichen. Die restriktive Fiskalpolitik wird sich 2012 und 2013 noch verschärfen und – wie das Auslaufen der Steuererleichterungen, die 2011 die Investitionsausgaben ankurbelten – zum Abschwung beitragen. Zudem wird sich der private Konsum angesichts der anhaltenden Malaise auf den Kredit- und Wohnungsmärkten weiter in Grenzen halten; tatsächlich spiegeln zwei Prozentpunkte des 2,8%igen Anstiegs im letzten Quartal 2011 steigende Lagerbestände und nicht Endverkäufe wider. Und was die Außennachfrage angeht, so wird der allgemein starke Dollar zusammen mit der weltweiten Konjunkturabkühlung und insbesondere der in der Eurozone die US-Exporte schwächen, während die nach wie vor hohen Ölpreise die Kosten für Energieeinfuhren in die Höhe treiben und damit das Wachstum weiter drosseln.

Viertens schließlich steigen aufgrund der Möglichkeit einer militärischen Antwort Israels auf die iranischen Nuklearambitionen die geopolitischen Risiken im Nahen Osten. Während das Risiko eines bewaffneten Konflikts weiter gering bleibt, eskalieren derzeit sowohl der verbale Konflikt als auch der heimliche Krieg, den Israel und die USA gegen den Iran führen; und nun schlägt der Iran zurück mit Terroranschlägen gegen israelische Diplomaten. Die Islamische Republik, die angesichts schmerzhafter Sanktionen mit dem Rücken zur Wand steht, könnte auch reagieren, indem sie ein paar Schiffe versenkt, um die Straße von Hormus zu blockieren, oder indem sie die ihnen nahe stehenden Kräfte in der Region – die proiranischen Schiiten im Irak, in Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien sowie die Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gazastreifen – von der Leine lässt.

Zudem gibt es im Nahen Osten breiter angelegte geopolitische Spannungen, die nicht abnehmen werden – und die sich verschärfen könnten. Der Arabische Frühling hat in Tunesien, wo er begann, zu relativ günstigen Ergebnissen geführt, aber die Entwicklungen in Ägypten, Libyen und im Jemen bleiben deutlich unsicherer, während Syrien am Rande eines Bürgerkrieges steht. Darüber hinaus bestehen erhebliche Bedenken in Bezug auf die politische Stabilität in Bahrain und der ölreichen östlichen Provinz Saudi-Arabiens, und potentiell sogar in Kuwait und Jordanien – alles Gebieten mit beträchtlichen schiitischen oder sonstigen ruhelosen Bevölkerungsgruppen.

Jenseits der vom Arabischen Frühling betroffenen Länder lassen die wachsenden Spannungen zwischen Schiiten, Kurden und Sunniten im Irak seit dem US-Abzug für die Ölproduktion nichts Gutes erwarten. Und dann sind da noch der anhaltende Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sowie die angespannten Beziehungen zwischen Israel und der Türkei.

Anders ausgedrückt, es gibt eine Menge Dinge, die im Nahen Osten schief gehen könnten. Und ein Zusammenwirken mehrerer davon könnte an den Märkten Angst auslösen und zu deutlich höheren Ölpreisen führen. Trotz schwachen Wirtschaftswachstums in den hochentwickelten Volkswirtschaften und des Konjunkturabschwungs in vielen Schwellenmärkten steht der Ölpreis schon jetzt bei etwa 100 Dollar pro Barrel. Aber der Angstaufschlag könnte ihn noch deutlich weiter in die Höhe treiben, mit vorhersehbar negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Angesichts derart vieler Risiken an so vielen Stellen werden die Anleger, was kaum überraschen dürfte, letzten Endes auf Liquidität setzen und, wenn sich diese Tailrisiken verwirklichen, die riskanteren Sachanlagen wieder fallen lassen. Dies ist nur ein weiterer Grund, anzunehmen, dass die Weltwirtschaft von einer ausgewogenen, nachhaltigen Erholung noch weit entfernt ist.