Militärs sprechen vom „Nebel des Krieges“, um einen Zustand völliger Unsicherheit während des Kampfs zu beschreiben. Die jüngste Kredit- und Liquiditätskrise hat auf den Finanzmärkten zu einem ähnlichen Zustand geführt, weil niemand Art und Ausmaß dieser Krise zu verstehen scheint, nicht einmal die Zentralbanken.
Man bekommt des Öfteren zu hören, dass die so genannte „Subprime-Krise” die Folge einer laxen Geldpolitik war, die zu übermäßiger Liquidität auf den Finanzmärkten führte. Allerdings haben wir es hier mit einem offenkundigen Widerspruch zu tun, denn wie kann ein Liquiditäts überschuss schließlich zu einem Liquiditäts mangel führen, der dann von den Zentralbanken wieder ausgeglichen werden muss?
Eine laxe Geldpolitik kann nämlich ein Symptom für übermäßige Ersparnisse und nicht für exzessive Liquidität sein. Diese Tatsache spiegelt sich auch in zunehmenden Einkommensungleichgewichten in großen Teilen der Industrieländer wider sowie in den Schwindel erregenden Überschüssen Öl produzierender Staaten und mancher asiatischer Länder. Sovereign Wealth Fonds aus China und den Golfstaaten, die die Überschüsse aus den Budgets dieser Länder investieren, stellen dabei nur die Spitze des weltweiten Eisberges an Ersparnisüberschüssen dar.
Während übermäßige Liquidität die Inflation anheizt und höhere Zinssätze erfordert, führen übermäßige Ersparnisse zu Deflation und erfordern niedrigere Zinssätze. Damit sind wir nun beim Dilemma der Zentralbanken. Wenn Zentralbanker eine Krise nicht verhindern können – oder zur Entstehung einer Krise beitragen – besteht ihre grundlegende Aufgabe darin, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Auswirkungen dieser Krise in Grenzen zu halten.
Mit einem Mal wird ihren Worten und Taten, ja selbst jedem Augenzwinkern immense Bedeutung zugeschrieben. Der Zentralbanker ist nicht mehr nur der Kreditgeber letzter Instanz, sondern auch der Sprecher letzter Instanz. In beiderlei Hinsicht machte dabei die amerikanische Zentralbank Federal Reserve während der jüngsten Krise bessere Figur als die Europäische Zentralbank.
Besteht das Problem aus einem Ersparnisüberschuss und wird das Vertrauen durch Unsicherheit untergraben, kann sich eine Liquiditätsspritze wie jene der EZB als Reaktion auf die Subprime-Krise zwar als notwendig, aber nicht ausreichend erweisen. Zur Wiederherstellung des Vertrauens bedürfte es auch einer Zinssenkung. Die Fed hat diese Botschaft verstanden. Europa muss wissen, warum dies bei der EZB nicht der Fall war.
Überdies hatten die Bemühungen der Fed letztlich stabilisierende Wirkung, weil man seine Absichten vor Durchführung der Maßnahme klar und deutlich formulierte. Um auf die Möglichkeit einer Leitzinsanhebung hinzuweisen, verwies EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hingegen Ende August auf die vor der Krise getroffene geldpolitische Entscheidung, beließ den Zinssatz dann aber doch auf dem bisherigen Niveau. Am 6. September sagte Trichet, dass die EZB den Status Quo aufrecht erhalten hat, ohne sich genauer darüber zu äußern, was er damit meinte. Obwohl die EZB das Ziel des Wirtschaftswachstums implizit akzeptiert zu haben schien, blieb sie ihrer harten Linie gegen die Inflation auch am 4. Oktober treu.
Der Grund für die Trägheit, Unklarheit und Starrheit der EZB liegt auf der Hand: Sie kümmert sich in der Eurozone nur nebenbei um Wirtschaftswachstum, ihr wahrer Auftrag ist die „Preisstabilität“. Doch die gegenwärtige Krise zeigt wie alle vorangegangenen auch, dass Geldpolitik Erwartungen steuert, nicht nur Erwartungen hinsichtlich der Inflation, sondern auch hinsichtlich des Wachstums, ob das den Zentralbanken nun passt oder nicht.
Solange die EZB die momentan bestehenden Ungewissheiten rund um Europas Ökonomien nicht erkennt, besteht das Risiko eines Crashs. Die EZB ist davon überzeugt, dass wohlwollende Gleichgültigkeit das Mittel der Wahl in der Wechselkurspolitik ist und die G7 der richtige Ansprechpartner, wenn es um Wechselkursvolatilität geht. Der Euro ist aber eine europäische Angelegenheit. Warum sollte ein Problem, bei dem Europa die Hauptlast der schwachen Währungen in den USA und Asien trägt, in einem globalen Forum gelöst werden? Mitten in der Finanzkrise ist falsche Sicherheit noch schlimmer als Ungewissheit.
Das Paradoxon besteht darin, dass die EZB ihre Unabhängigkeit hätte bewahren können, wenn sie am 6. September und am 4. Oktober die Zinssätze gesenkt hätte. Jetzt wird man dazu gezwungen sein. Als Opfer ihrer eigenen rückwärts gewandten Einstellung, entschied sich die EZB, auf das Schlimmste zu warten, anstatt es zu verhindern. Deshalb wird die unausweichliche Zinssenkung in Europa wahrscheinlich auch nicht jene stabilisierende Wirkung entfalten, die sie eigentlich haben sollte.


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