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Nachkrisliche Krisen

NEW YORK – Im Schatten der Eurokrise und der amerikanischen Fiskalklippe werden leicht die langfristigen Probleme der Weltwirtschaft ignoriert. Doch während wir uns auf die unmittelbaren Schwierigkeiten konzentrieren, schwären sie weiter, und wir missachten sie auf eigenes Risiko.

Das schwerwiegendste Problem ist die globale Erwärmung. Obwohl die schwache Entwicklung der Weltwirtschaft zu einer entsprechenden Verlangsamung der Zunahme der Kohlenstoffemissionen geführt hat, verschafft uns dies gerade mal auf einen kurzen Aufschub. Und wir liegen deutlich hinter Plan: Weil wir so langsam auf den Klimawandel reagiert haben, wird das Ziel, den weltweiten Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, hohe künftige Emissionsverringerungen erfordern.

Manche schlagen vor, dass wir die globale Erwärmung angesichts des konjunkturellen Abschwungs zurückstellen sollten. Das Gegenteil ist der Fall: Die Anpassung der Weltwirtschaft an den Klimawandel würde dazu beitragen, Gesamtnachfrage und Wachstum wiederherzustellen.

Zugleich erfordert das Tempo des technologischen Wandels und der Globalisierung rasche strukturelle Anpassungen sowohl in den entwickelten als auch den Entwicklungsländern. Derartige Veränderungen können traumatisch sein, und die Märkte bewältigen sie häufig nicht besonders gut.

So wie die Große Depression teilweise auf den Schwierigkeiten des Übergangs von einer ländlichen Agrarwirtschaft zur städtischen Industriegesellschaft beruhte, beruhen die heutigen Probleme teilweise auf dem Zwang, den Schritt von der Fertigungs- zur Dienstleistungsgesellschaft zu bewältigen. Hierfür bedarf es neuer Unternehmen, und die modernen Finanzmärkte sind besser auf Spekulation und wirtschaftliche Verwertung eingestellt als auf die Bereitstellung von Mitteln für neue Unternehmen, insbesondere KMUs.

Zudem erfordert dieser Wandel Investitionen in Humankapital, die sich die Einzelnen häufig nicht leisten können. Zu den Dienstleistungen, die die Menschen wollen, gehören Krankenversorgung und Bildung – zwei Sektoren, in denen der Staat (bedingt durch die diesen Sektoren innewohnenden Marktunvollkommenheiten und Probleme bei der Verteilungsgerechtigkeit) naturgemäß eine wichtige Rolle spielt.

Vor der Krise von 2008 gab es eine Menge Gerede über globale Ungleichgewichte und die Notwendigkeit, dass Länder mit Handelsüberschüssen wie Deutschland und China ihren Konsum erhöhen. Dieses Problem ist nach wie vor ungelöst; tatsächlich ist Deutschlands Versäumnis, etwas gegen seinen chronischen Außenhandelsüberschuss zu tun, ein zentraler Faktor der Eurokrise. Chinas Überschuss (als Anteil vom BIP) ist gefallen, doch die langfristigen Auswirkungen müssen sich erst noch einstellen.

Amerikas Gesamthandelsdefizit wird ohne eine Erhöhung der inländischen Ersparnisse und eine grundlegendere Änderung der globalen Währungsordnung nicht verschwinden. Erstere würde den Abschwung im Lande verschärfen, und keine dieser Änderungen steht derzeit an. Und obwohl China seinen Konsum steigert, wird es nicht zwangsläufig mehr US-Waren kaufen. Es dürfte eher den Konsum nicht gehandelter Güter (wie Krankenversorgung und Bildung) steigern, was zu tiefgreifenden Störungen der globalen Lieferkette führen dürfte – insbesondere in Ländern, die bisher Materialien an die chinesischen Exporteure in der produzierenden Industrie lieferten.

Und schließlich gibt es eine weltweite Ungleichheitskrise. Das Problem ist nicht allein, dass die obersten Einkommensgruppen einen größeren Anteil am wirtschaftlichen Kuchen erhalten, sondern auch, dass die Bezieher mittlerer Einkommen am wirtschaftlichen Wachstum nicht teilhaben, während zugleich in vielen Ländern die Armut wächst. Die Chancengleichheit ist in den USA als Mythos entlarvt worden.

Während die Große Rezession diese Trends verschärft hat, zeichneten sie sich lange vor deren Einsetzen ab. Tatsächlich habe ich (wie andere auch) argumentiert, dass die wachsende Ungleichheit einer der Gründe für den Konjunkturabschwung ist und dass sie teilweise aus dem tiefgreifenden, anhaltenden Strukturwandel der Weltwirtschaft herrührt.

Ein wirtschaftliches und politisches System, das die Ansprüche der meisten Bürger nicht erfüllt, lässt sich langfristig nicht aufrechterhalten. Irgendwann schwindet das Vertrauen in Demokratie und Marktwirtschaft, und die Legitimität der bestehenden Institutionen und Vereinbarungen wird in Frage gestellt.

Die gute Nachricht ist, dass sich die Kluft zwischen Schwellenländern und hochentwickelten Ländern in den letzten drei Jahrzehnten stark verringert hat. Trotzdem leben nach wie vor hunderte von Millionen von Menschen in Armut, und bei der Verringerung der Kluft zwischen den am wenigsten entwickelten Ländern und der restlichen Welt hat es kaum Fortschritte gegeben.

Hierbei spielen unfaire Handelsübereinkommen eine Rolle – u.a. der Fortbestand nicht zu rechtfertigender Agrarsubventionen, die die Preise drücken, von denen das Einkommen vieler der Ärmsten abhängig ist. Die entwickelten Länder haben ihr im November 2001 in Doha gegebenes Versprechen, ein entwicklungsfreundliches Handelssystem zu schaffen, und auch ihre Zusage vom G8-Gipfel in Gleneagles aus dem Jahre 2005, die ärmsten Länder deutlich stärker zu unterstützen, nicht eingehalten.

Der Markt allein wird keines dieser Probleme lösen. Die globale Erwärmung ist in ihrem Kern ein „Kollektivgüterproblem“. Um die strukturellen Veränderungen vorzunehmen, die die Welt braucht, müssen unsere Regierungen eine aktivere Rolle übernehmen – und dies zu einer Zeit, in der in Europa und den USA die Forderungen nach Haushaltskürzungen lauter werden.

Wir sollten uns bei unseren Bemühungen zur Bewältigung der aktuellen Krisen fragen, ob wir darauf nicht in einer Weise reagieren, die unsere langfristigen Probleme verschärft. Der von den „Defizitfalken“ und Befürwortern der Sparpolitik vorgegebene Kurs schwächt die aktuelle Konjunktur und untergräbt die Zukunftsaussichten. Die Ironie ist, dass es – da Hauptursache der aktuellen weltwirtschaftlichen Schwäche die mangelnde Gesamtnachfrage ist – eine Alternative gibt: so in unsere Zukunft zu investieren, dass damit zugleich die Probleme der globalen Erwärmung, der weltweiten Ungleichheit und Armut und des nötigen Strukturwandels bekämpft werden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan