Tuesday, July 29, 2014
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Chinas Finanzsystem wird erwachsen

LONDON: Die Entwicklung des chinesischen Finanzsystems in den letzten Jahren war außergewöhnlich. Ich habe seinen Wandel als Mitglied des Internationalen Beirats des chinesischen Ausschusses zur Bankenregulierung (CBRC) beobachten können.

Noch 2002 saßen alle wichtigen chinesischen Banken auf Bergen von notleidenden Krediten, die in einigen Fällen mehr als 10% der Gesamtbilanz ausmachten. Keine dieser Banken erfüllte auch nur die Standards des Baseler Akkords (Basel I). Kaum ein Financier in London oder New York hätte Ihnen neben der Bank von China – die fälschlicherweise oft als Zentralbank betrachtet wurde – noch eine weitere chinesische Bank nennen können. Und die Vorstellung, dass die US Federal Reserve oder die britische Financial Services Authority (FSA) etwas von den chinesischen Finanzbehörden lernen könnten, wäre als absurd betrachtet worden.

Knapp ein Jahrzehnt später sieht das ganz anders aus. Das alte Problem notleidender Kredite wurde gelöst – in erster Linie, indem man Vermögensverwaltungsgesellschaften gründete, um die fragwürdigen Vermögenswerte zu übernehmen, und die Geschäftsbanken mit frischem Kapital versorgte. Inzwischen machen die gemeldeten notleidenden Kredite nur noch gut 1% der Vermögenswerte aus. Man holte ausländische Partner ins Boot, um einen Fertigkeitstransfer herbeizuführen, und brachte Minderheitsbeteiligungen an die Börse. Laut aktuellen Bewertungen sind unter den zehn größten Banken (nach Marktkapitalisierung) vier Banken aus China. Diese expandieren nun im Ausland, gestärkt durch ihre solide Kapitalunterlegung.

Natürlich gibt es noch Herausforderungen. Selbst in China gibt es keinen Zaubertrank, der einen Kredit an einen nicht mehr bestehenden Exporteur wiederbeleben kann. Chinas Großbanken haben – ob aus freien Stücken oder nicht – den Kommunen große Summen für Infrastrukturprojekte von häufig zweifelhaftem wirtschaftlichen Wert geliehen. Und es besteht das allgegenwärtige Risiko, dass der Immobilienmarkt eines Tages zusammenbrechen könnte, auch wenn die Banken in besserem Zustand daraus hervorgehen würden als in den USA und in Großbritannien, weil viele spekulative Investments mit Bargeld oder nur bescheidenem Fremdkapitalanteil finanziert wurden.

Die Behörden in Peking, insbesondere der CBRC und die Chinesische Volksbank (die echte Zentralbank) haben, was die Steuerung einsetzender Auf- und Abschwünge angeht, eine erfolgreiche Bilanz vorzuweisen, und ich würde auch diesmal nicht gegen ihren Erfolg wetten. Aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden politischen Instrumente, zu denen u.a. variable Kapital- und Reservevorgaben und direkte Steuermechanismen in Bezug auf die Vergabebedingungen für Hypotheken gehören, sind sie relativ flexibel, und sie haben schon vor einigen Monaten mit positiver Wirkung die Schrauben beim Kreditwachstum angezogen.

Es wäre schmeichelhaft, sich vorzustellen, dass diese Wende im chinesischen Finanzsystem auf den weisen Rat ausländischer Berater zurückzuführen sei. Doch obwohl äußere Einflüsse in gewissem Umfang hilfreich waren – die Impulse von Basel I und Basel II stärkten die Position jener in Peking, die entschlossen waren, im Bankensystem aufzuräumen –, behandeln die Chinesen Ratschläge der Londoner City und der Wall Street inzwischen (nicht unbegründet) mit einem gewissen Maß an Skepsis.

So wurde etwa die jüngste Kritik von US-Finanzminister Timothy Geithner an den asiatischen Regulierungsstellen in der Region mit Ungläubigkeit und sogar Hohn aufgenommen. Etwas mehr Bescheidenheit wäre angesichts der Leistung der US-Regulierungsbehörden im Vorfeld der Krise angebracht; wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen – nicht mal mit rhetorischen.

Die interessanteste Entwicklung ist die inzwischen erkennbare zunehmende Konvergenz der regulatorischen Ansätze und Instrumente in Peking, London und New York. Bis zur jüngsten Beinahe-Implosion des Kapitalismus westlicher Prägung dachten die nordatlantischen Behörden, das Ende der Finanzgeschichte sei erreicht. Die Finanzlage, so meinten sie, ließe sich mit einem einzigen Instrument steuern, die ausschließlich zur Verfolgung eines stillschweigenden oder offen ausgesprochenen Zielwertes bei der Verbraucherpreisinflation eingesetzt wurden – den kurzfristigen Zinsen.

Die Eigenmittelkoeffizienten der Banken wurden weltweit festgesetzt und blieben danach immer gleich. Ansonsten hatte der Markt immer Recht. Die Banken, so glaubte man, hätten ihre eigenen Anreize, um Kredite weise zu vergeben, und Kreditkontrollen würden sich zwangsläufig als ineffektiv erweisen. Im Gegensatz hierzu wurden in China alle Aspekte des Geschäfts einer Bank direkt beaufsichtigt. Tatsächlich standen die meisten Banken unter dem Einfluss der Zentralbank.

Inzwischen erkennen offizielle Stellen in Peking die Vorteile eines maßvolleren Eingreifens und von Institutionen mit primär kaufmännischem Fokus. Aber auf den Einsatz variabler Kapital- und Reservevorgaben, Kredit-Einlagen-Quoten und Schwellenwerte für Mindesteinlagen und Fremdkapital-Höchstanteile als Steuergrößen für die Vergabe von Immobilienkrediten zu verzichten, fällt ihnen nicht ein.

Wir in den entwickelten Kapitalmärkten wiederum sind geschäftig dabei, diese „makroprudentiellen Instrumente“ – um den Begriff zu verwenden, der derzeit in Basel en vogueist – neu zu erfinden. Wir erkennen inzwischen die Nützlichkeit eines flexibleren Werkzeugkastens, um auf eine übermäßige Kreditexpansion oder auf Vermögenswertblasen zu reagieren, wo die Manipulation der kurzfristigen Zinsen ein stumpfes oder, schlimmer noch, zweischneidiges Schwert sein kann. Zinserhöhungen mögen einer Überhitzung des Immobilienmarktes entgegenwirken, sorgen jedoch auch für eine Abkühlung der Konjunktur.

Auch die Regulierungsansätze gleichen sich an. Der berühmte Ausspruch der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher, man könne nicht gegen den Markt ankommen, war Bestandteil der aufsichtsrechtlichen Mentalität in der angelsächsischen Einflusssphäre der Zeit vor der Krise. Und der ehemalige Chairman der Fed, Alan Greenspan, widersetzte sich allen Versuchen, dem „Jagdinstinkt“ derjenigen, die an der Wall Street Wohlstand schufen, Zügel anzulegen.

Die Chinesen waren weniger ideologisch. Sie hatten keine Hemmungen, eine Blase eine Blase zu nennen oder zu intervenieren, um aus dieser Luft abzulassen. Inzwischen verehrt nur noch Sarah Palin Thatchers Ansichten zu all diesen Fragen, und Greenspan wurde ganz im chinesischen Stil aus der Finanzgeschichte wegretuschiert.

Als die G7 Anfang 2009 in die G20 umgewandelt wurden, waren viele verständlicherweise besorgt, dass eine derart unterschiedliche Gruppe von Teilnehmern, die derart verschiedenen Traditionen entstammen, es schwer haben würde, im Baseler Ausschuss und anderswo einen Konsens zu Regulierungsfragen zu erzielen. Diese Sorge hat sich als übertrieben erwiesen. Die Elemente für einen breiteren Konsens über die künftige Rolle der Finanzregulierung sind vorhanden – solange nur Amerikaner wie Geithner ihrer ständigen Versuchung widerstehen können, der übrigen Welt vorzuschreiben, was sie tun soll, ohne sich selbst daran zu halten.

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