Tuesday, October 21, 2014
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Amerikas schizophrene Wirtschaft

Die Nachrichten über die amerikanische Wirtschaft in er ersten Märzhälfte zeichneten - wieder einmal - ein Bild, das nur einem Schizophrenen einfallen könnte. Die Realinvestitionen (Investitionen, bei denen die fallenden Preise für High-Tech- und informationsbezogene Investitionsgüter bereits berücksichtigt sind) nahmen weiterhin stark zu. Produktion und Verkäufe entwickelten sich im Einklang mit dem Consensus Forecast für das reale BIP-Wachstum von jährlich 4 % oder mehr. Und trotz allem stagnieren die Beschäftigungszahlen: Unter dem Strich werden in den USA weiterhin keine neuen Arbeitsplätze geschaffen.

Das heißt allerdings nicht, dass die Beschäftigungszahlen in Amerika nicht wachsen können. Im Bildungs- und Gesundheitsbereich sind heute um ungefähr 300.000 Amerikaner mehr beschäftigt als vor einem Jahr - das entspricht einem Beschäftigungswachstum von 1,7 %. In den Bereichen Wirtschafts- und freiberufliche Dienstleistungen arbeiten heute um 250.000 Amerikaner mehr als im Vorjahr - das entspricht einem jährlichen Wachstum von 1,6 %. Der Grund für die stagnierenden Beschäftigungszahlen ist also nicht, dass es in der amerikanischen Wirtschaft unmöglich wäre, neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern dass das Nachfragewachstum zu gering ist, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen als verloren gehen.

Diese Entwicklung ist einfach darzustellen. Die gesamten Nominalausgaben in Amerika wachsen um 5,5 % jährlich. Die Inflationsrate beträgt 1,5 % pro Jahr und das gesamte Produktivitätswachstum beträgt jährlich 3,5 %. Die sich daraus ergebende Gleichung ist simpel: 5,5 %-1,5 %-3,5 % = 0,5 %. Diese 0,5 % Beschäftigungswachstum reichen also aus, um die Nachfrage angesichts des bemerkenswerten Produktivitätswachstums zu befriedigen.

Woher das amerikanische Produktivitätswachstum kommt, liegt auf der Hand. Ein relativ geringer Anteil kommt einfach durch Beschleunigung zustande: In einer Volkswirtschaft, in der sich der Zeitraum für die Jobsuche einem Nachkriegsrekord nähert, werden die Forderungen nach einer Beschleunigung des Arbeitsprozesses eher mit einem „Jawohl, Chef" beantwortet, als mit einem müden „Werden wir schon machen".

Ein größerer Teil dieser steigenden Produktivität ist den außergewöhnlichen technologischen Fortschritten in der Computer- und Kommunikationstechnologie zuzuschreiben, wodurch sich der Wert von High-Tech-Kapital dramatisch erhöhte - und die Kosten dafür fielen. Der Vermögenszuwachs durch die „New Economy" übertrifft sogar die kühnsten Erwartungen ihrer leidenschaftlichsten Anhänger. Unerwartet kam jedoch die Tatsache, dass der neue Reichtum nicht den Aktionären der Dotcom-Firmen zufloss, sondern den Käufern und Nutzern von High-Tech-Kapital sowie deren Kunden.

Aber warum scheint das so überraschend? Am Ende des 19. Jahrhunderts schienen alle von den enormen Investitionen und dem technischen Fortschritt bei der Eisenbahn zu profitieren nur nicht die Aktionäre und Anleiheinhaber der Eisenbahngesellschaften, denn auf den Boom folgte die Pleite und an der Wall Street wurde die Verschleuderung wertloser Aktien zum Volkssport.

Ein weiterer Teil des amerikanischen Produktivitätswachstums rührt daher, dass High-Tech-Kapital den amerikanischen Firmen enorme Anreize bietet, zusätzlich zu den Investitionen in die Computerisierung und den Aufbau von Netzwerken, massiv, aber schwer sichtbar - und noch schwerer messbar - in Organisations- und Geschäftsprozesse zu investieren.

Im Vergleich zum Produktivitätswachstum von 1,2 % vor 1995 ist eine Produktivitätswachstumsrate von jährlich 3,5 % für die USA ein erstaunlicher Wert. Allein aus dieser Quelle ergibt das eine jährliche Steigerung des Welteinkommens um 250 Milliarden Dollar. Dies entspricht einer zusätzlichen Produktivitätskraft im Ausmaß eines Viertels der indischen Wirtschaft - und das jedes Jahr.

Die anhaltende Beschleunigung des amerikanischen Produktivitätswachstums ist für Präsident George W. Bush allerdings zu einem massiven politischen Problem geworden. Die Geschwindigkeit des Nachfragewachstums, die man in früheren Jahrzehnten als höchst zufriedenstellend erachtet hätte, stellt sich plötzlich als fürchterlich unzureichend heraus und nun wird Bush (mit einer gewissen Berechtigung) für die damit verbundene Trägheit am Arbeitsmarkt verantwortlich gemacht.

Aber für alle mit Ausnahme von Bush - und die durch mangelnde Nachfrage arbeitslos gewordenen Menschen - stellt dies eine außergewöhnliche Chance dar. Die bemerkenswerten Produktivitätssteigerungen in Amerika werden letztlich zu beschleunigten Wachstumsraten bei realen Gewinnen und Reallöhnen führen, wenn die amerikanischen Politiker nur der Versuchung widerstehen, politisch zwar vorteilhafte, aber wirtschaftlich abträgliche Maßnahmen zu setzen, um die Produktionsleistung und Beschäftigung zu schützen.

Als die führende Volkswirtschaft der Welt, kommt Amerika die schwierigste Aufgabe bei der Sicherstellung des Wachstums zu, denn dazu muss es neue Technologien, bessere Kapitalformen und produktivere Geschäftsstrukturen schaffen - und nicht nur nachahmen oder adaptieren. Wenn Amerika sein momentanes Wachstum beibehält, ist das auch für andere, weniger entwickelte Volkswirtschaften eine gute Nachricht. Dies vor allem deshalb, weil der starke Effekt anhaltender technologischer Revolutionen in den Bereichen Computer und Kommunikation die Teilnahme an der globalen Arbeitsteilung, die sich momentan auf die USA konzentriert, erleichtern werden.

Die schizophrene amerikanische Wirtschaft ist also ein Zeichen für ein neues, wunderbares Wirtschaftszeitalter - wenn wir die Chancen nur gezielt und beharrlich ergreifen.

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