Friday, July 25, 2014
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Was ist das Problem transformationaler Führung?

CAMBRIDGE – Der diesjährige Präsidentschaftswahlkampf in den Vereinigten Staaten ist von Forderungen der potentiellen republikanischen Herausforderer von Barack Obama geprägt, die amerikanische Außenpolitik radikal zu transformieren. Wahlkämpfe sind immer extremer als die letztendliche Realität, aber Länder sollten Vorsicht walten lassen, wenn Forderungen nach tiefgreifendem Wandel laut werden. Die Dinge laufen nicht immer so wie gewollt.

Bei den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 hat die Außenpolitik fast keine Rolle gespielt. Zu Beginn seiner ersten Amtszeit im Jahr 2001 hat George W. Bush geringes außenpolitisches Interesse bewiesen, machte sich aber nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 transformierende Ziele zu eigen. Wie schon seine Vorgänger Woodrow Wilson, Franklin Roosevelt und Harry Truman hat Bush zu Demokratierhetorik gegriffen, um seine Anhänger in Zeiten der Krise um sich zu scharen.

Auch Bill Clinton hatte davon gesprochen Menschenrechten und Demokratie größere Bedeutung in der US-Außenpolitik einzuräumen, aber in den 1990er-Jahren waren die meisten Amerikaner eher auf Normalität und eine Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges aus, als auf Veränderung. Im Gegensatz dazu verkündete Bushs Nationale Sicherheitsstrategie des Jahres 2002, die unter dem Namen Bush-Doktrin bekannt wurde, dass die USA „Terroristen, wo auch immer sie sich befinden, ausfindig machen und eliminieren wird, zusammen mit den Regimen, die sie unterstützen“. Die Lösung des Terrorismusproblems bestand darin, die Demokratie überall hinzutragen.

Bush marschierte in den Irak ein, um Saddam Husseins angebliche Fähigkeit Massenvernichtungswaffen einzusetzen zu zerstören und im Zuge dessen einen Regimewechsel herbeizuführen. Man kann Bush nicht für die Versäumnisse der Geheimdienste verantwortlich machen, die Saddam derartige Waffen zugeschrieben hatten, wenn man bedenkt, dass diese Einschätzung von vielen anderen Ländern geteilt worden ist. Aber das unzureichende Verständnis der Umstände im Irak und des regionalen Kontextes in Verbindung mit schlechter Planung und Steuerung haben die transformierenden Ziele von Bush untergraben. Einige Verfechter von George W. Bush versuchen zwar, ihm die Revolutionen des Arabischen Frühlings zuzuschreiben, diese Behauptungen werden von den wichtigsten arabischen Beteiligten jedoch zurückgewiesen.

The Economist beschrieb Bush als „von der Idee besessen, ein transformierender Präsident zu sein; nicht nur jemand, der den Status quo aufrechterhält, wie Bill Clinton“. Die damalige Außenministerin Condoleezza Rice lobte die Vorzüge „transformierender Diplomatie“. Doch während Führungstheoretiker und Leitartikler zu der Auffassung neigen, transformierende außenpolitische Entscheidungsträger seien entweder moralisch überlegen oder effektiver, gibt es keine Belege, die diese Auffassung untermauern.

Andere Führungskompetenzen sind wichtiger als die gängige Unterscheidung zwischen transformationaler und „transaktionaler“ Führung. Nehmen wir Präsident George H.W. Bush, der mit dem „vision thing“ nichts am Hut hatte, dessen solide Steuerung und Ausführung jedoch eine der erfolgreichsten außenpolitischen Agenden der USA des letzten halben Jahrhunderts untermauert haben. Vielleicht werden Gentechniker eines Tages imstande sein Führungskräfte hervorzubringen, die zugleich Visionen entwickeln können und Managementkompetenzen besitzen. Wenn man beide Bushs (deren Erbgut zur Hälfte übereinstimmt) miteinander vergleicht, wird deutlich, dass die Natur das Problem bisher nicht gelöst hat.

Diese Auseinandersetzung ist nicht gegen transformierende Führungspersönlichkeiten gerichtet. Mohandas Gandhi, Nelson Mandela und Martin Luther King jr. haben eine entscheidende Rolle dabei gespielt, die Identität und die Bestrebungen der Menschen zu verändern. Diese Auseinandersetzung richtet sich ebenso wenig gegen transformierende Führungspersönlichkeiten in der US-Außenpolitik. Franklin Roosevelt und Truman haben entscheidende Beiträge geleistet. Wenn es um die Beurteilung von Führungspersönlichkeiten geht, müssen wir jedoch sowohl auf das achten, was getan wurde, als auch auf das, was unterlassen wurde; auf das, was geschehen ist und auf das, was vermieden wurde, auf die Hunde, die gebellt haben, und die, die still geblieben sind.

Ein großes Problem in der Außenpolitik ist die Komplexität des Kontextes. Wir leben in einer Welt mit verschiedenen Kulturen und wissen nur sehr wenig über social engineering, die Anstrengungen, die zur Schaffung oder Verbesserung gesellschaftlicher Strukturen führen, oder darüber wie man „Nationen bildet“. Wenn wir nicht sicher sein können, wie man die Welt besser macht, ist Besonnenheit eine wichtige Tugend und grandiose Visionen können sich als große Gefahr erweisen.

So wie in der Medizin ist es in der Außenpolitik wichtig, sich auf den Hippokratischen Eid zu besinnen: Erstens, richte keinen Schaden an. Aus diesen Gründen kommt den Tugenden transaktionaler Führungspersönlichkeiten, die über ein gutes kontextuelles Auffassungsvermögen verfügen, große Bedeutung zu. Jemand wie George H. W. Bush, der nicht imstande war eine Vision zu formulieren, aber erfolgreich durch Krisen hindurch navigieren konnte, erweist sich als besserer politischer Führer als jemand wie sein Sohn, der zwar von einer großen Vision besessen war, aber kaum über kontextuelles Auffassungsvermögen oder Steuerungskompetenz verfügt.

Der ehemalige Außenminister George Shultz, der unter Ronald Reagan gedient hat, verglich seine Rolle mit dem Gärtnern – „die stete Pflege einer komplexen Anordnung von Akteuren, Interessen und Zielen“. Condoleezza Rice hingegen, Shultz‘ Kollegin an der Universität Stanford, wollte eine transformierendere Diplomatie, die die Welt nicht so akzeptiert, wie sie ist, sondern versucht sie zu verändern. Ein Beobachter drückte es so aus: „Rice hat den Ehrgeiz mehr als eine Gärtnerin zu sein – sie will sich als Landschaftsarchitektin betätigen.“ In Abhängigkeit vom Kontext gibt es für beide eine Aufgabe, wir sollten jedoch den häufig begangenen Fehler vermeiden automatisch zu denken, dass der transformierende Landschaftsarchitekt eine bessere Führungspersönlichkeit ist, als der sorgsame Gärtner.

Das sollten wir nicht außer Acht lassen, während wir die aktuellen amerikanischen Präsidentschaftsdebatten mit ihren ständigen Verweisen auf den Niedergang der USA auswerten. Der Begriff „Niedergang“ ist eine irreführende Metapher. Amerika ist nicht im absoluten Niedergang begriffen und, relativ betrachtet, besteht hinreichende Wahrscheinlichkeit, dass es in den kommenden Jahrzehnten mächtiger bleiben wird als jedes andere Land. Wie leben nicht in einer „post-amerikanischen Welt“, aber wir leben auch nicht im amerikanischen Zeitalter des späten zwanzigsten Jahrhunderts.

Die USA werden mit den wachsenden Machtressourcen vieler anderer staatlicher und auch nichtstaatlicher Akteure konfrontiert sein. Sie werden sich ebenso einer wachsenden Anzahl von Problemen stellen müssen, für die eine gemeinsame Machtausübung mit anderen genauso erforderlich ist, wie die Macht über andere, um die gewünschten Ziele des Landes zu erreichen. Amerikas Kapazität Bündnisse aufrechtzuerhalten und kooperative Netzwerke zu schaffen wird eine wichtige Dimension seiner hard power, also seiner militärischen und wirtschaftlichen Macht, und seiner soft power darstellen, seiner Fähigkeit, Gefolgschaft ohne Zwang herzustellen.

Amerikas Aufgabe im einundzwanzigsten Jahrhundert besteht nicht in der Auseinandersetzung mit einem (nicht näher beschriebenen) „Niedergang“, sondern vielmehr in der Entwicklung der nötigen kontextuellen Intelligenz, um zu verstehen, dass auch das größte Land ohne die Hilfe anderer nicht das erreichen kann, was es will. Die wirklich transformationale Führungsaufgabe wird darin bestehen, der Öffentlichkeit dieses komplexe Informationszeitalter verständlich zu machen und darüber aufzuklären, was erforderlich ist, um erfolgreich darin agieren zu können. Bislang war von den republikanischen Kandidaten nicht viel darüber zu hören.

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  1. CommentedZsolt Hermann

    There are two problems with transformational diplomacy these days:
    1. It suggest a certain level of arrogance, as the party suggesting a transformation for another one considers itself superior, in other words that party is certain that it has something to export to the other party as if its own system would be perfect. Nowadays through experiences of the global crisis and the revelations that our western style system is neither free nor democratic we would be deluding ourselves if we thought we have much to offer to other nations, continents or cultures.
    2. In a closed, global, interconnected and interdependent system nobody can force its own ideas on others. We are so overlapped on multiple levels, that our system resembles a machine where countless cogwheels connect to each other in very intricate ways.
    At the moment we simply have no idea about this system, about its depths, and how it works, thus pushing ahead with changes, transformations causes the countless problems and damage we observe each day as our leaders are running around like headless chickens obliviously.
    Thus what the article suggest regarding the principle "First do no harm" is the right foundation. First of all we should stop trying to "correct the world" and take a step back, examining ourselves, the system we exist in, and then after we figured out the laws governing our integral system then we can start slowly moving the cogwheels in a way that it is beneficial for the total system.
    Today we need visionary leaders who instead of their own legacy are capable of looking at the whole system in a humble, selfless way, and they are capable of bowing their heads before the vast natural system we live in and use its fundamental principles and forces in a positive way. We already have all the scientific data necessary for it all we need are the selfless personal who are truly able to serve others.

  2. CommentedAndrés Arellano Báez

    Are you crazy? Of course that can be blamed and he should be blammed. Why? Because there were a lot of intelligence that said that the weapons of mass destructions didn´t exist. He decided wrong when he believed in the wrong intellingence.

  3. CommentedPaul A. Myers

    The overarching goal of American foreign policy should be to promote stability and reduce risk of disruption. Stability permits the prosperity of commerce to do its beneficial work of rising living standards and promoting cooperative conduct. The Marshall Plan and NATO were foundation stones in promoting stability and reducing risk through the portfolio approach of having many countries contribute to mutual defense.

    Promoting democracy, depending upon context, may promote stability or it may be destabilizing. In particular, democracy can diminish human rights in many situations.

    A sitting president with sufficient sophistication to assess the foreign policy terrain realistically would have to chose strategies, both large and small, that would aim at incrementally improving or containing situations. If a multitude of incremental improvements can be made over time in some concerted manner, then one could probably say that a grand strategy was pursued. But the success of the incremental steps would be crucial to any overall effectiveness of the larger game. Most of President Bush's intermediate steps failed and so the grand strategy, if that's what you want to call the public relations stunting of those people, has failed.

    President George Bush, ideology's plaything, was "transformational" because he was personally and intellectually lazy and his public-relations-obsessed White House liked the "messaging."

    Condoleezza Rice famously wrote that the 82nd Airborne was not for escorting children to kindergarten. She certainly solved that problem. The Clinton administration's successes in Bosnia (eventually) and later Kosovo were two of the most technically accomplished foreign policy successes of the postwar era. Ms. Rice could not appreciate that. Why? Possibly because she was a Russian studies student, possibly the only truly failed academic discipline in the public policy area in the postwar era: a bunch of emigre professors with axes to grind, the perfect background for a Bush administration "foreign policy professional." Mr. Brzynski is of course the beautiful exception which proves the rule, a man masterfully at home with the complexity of the international situation.

    The American public seems to grasp the desirability of stability in the international arena at this time, more so than much of the foreign policy establishment which clamors for confrontation with Iran and others who want to continue the "big battalion" presence in distant countries.

    Skill, not mediocrity, should be the touchstone for picking future foreign policy leadership to promote the country's interests.

    And lastly, the three transformation leaders cited as examples were leaders of movements advocating large-scale change, not leaders of bureaucracies tending the overgrown gardens of competing interests.

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